Der homo oeconomicus bleibt uns erhalten


Es ist ein beliebter Vorwurf gegen die wissenschaftlich betriebene Ökonomie: Sie würde ja durch ihr Modell des homo oeconomicus, des rational nutzenmaximierenden Menschen, die Wirklichkeit völlig verzerren; aus den Wirtschaftswissenschaften abgeleitete Politikempfehlungen wären daher unbrauchbar.

Nun wissen Wirtschaftswissenschafter nicht erst seit gestern, dass diese Modellannahme eben nur eine Annahme ist, noch dazu eine tautologische. Da jedes Modell die Wirklichkeit nur so beschreibt wie eine Landkarte – abstrahiert und für den Zweck angepasst — , so bedient es sich vereinfachender Annahmen, die das Zeichnen der Karte erst ermöglichen. Joan Robinson sagte bekanntermaßen, ein Modell, das die Wirklichkeit vollständig beschreibt, ist so nützlich wie ein Landkarte im Maßstab 1:1.

Für bestimmte Forschungsaufgaben wurde aber das Modell des handelnden Menschen in den letzten Jahrzehnten sukzessive überarbeitet. So mit der Revolution der „rationalen Erwartungen“, mit der Informationen über zukünftige Ereignisse in die Entscheidungen des wirtschaftlichen Akteurs integriert wurden.

Im Gefolge des Nobelpreisträgers Gary S. Becker konnte scheinbar „irrationales Verhalten“ bei verschiedenen nicht-ökonomischen Sachverhalten in einen ökonomischen Rahmen integriert und damit analysiert werden. Ein andere Nobelpreisträger, Daniel Kahneman, gehört zu den Mitbegründern der Verhaltensökonomie, die ökonomische Entscheidungen unter Unsicherheit unter Einbeziehung von Erkenntnissen der Psychologie untersuchen. George Akerlof, wieder ein Nobelpreisträger, hat in den Siebziger Jahren die Auswirkungen asymmetrischer Information auf die Entscheidungen der Akteure untersucht, und um die Jahrtausendwende mit Rachel Kranton die Identitätsökonomie begründet, die versucht, ein Konzept der Identität als Bündel sozialer Normen und Beziehungen in die Darstellung wirtschaftlicher Entscheidungen einzubeziehen.

Es hat sich in der Praxis allerdings gezeigt, dass einfachere Modelle oft robustere Ergebnisse haben. Ein Beispiel dafür zeigen Ronald M. Harstad und Reinhard Selten auf. In den letzten Jahrzehnten wird mit Modellen experimentiert, in denen die Akteure Information nicht komplett rational verarbeiten, sondern beschränkt rational handeln, mit „bounded rationality“. Und doch gibt es viele Gründe, weiterhin mit der Annahme rationaler Akteure zu operieren. Weil man es etwa auf viele Bereiche so anwenden kann, dass interpretierbare Ergebnisse entstehen. Oder weil entsprechende Arbeiten auch von Dritten leichter analysiert werden können. Die Modellierung irrationalen Verhaltens kann auch die Einflüsse anderer Faktoren verdunkeln, in dem man Diskrepanzen leichtfertig auf die beschränkte Rationalität der Akteure schiebt.

Harstad und Selten betonen dabei besonders die Analyse effizienter Verwendung von Ressourcen, die in Modellen mit rationalen Akteuren mit nur beschränkten Annahmen möglich sind und dort sinnvolle Resultate liefern. Modelle mit beschränkter Rationalität sind in solchen Fragen von einer Anwendbarkeit z.T. noch weit entfernt, meinen die Autoren, die dafür eine Mischung experimenteller Ökonomie und beschränkt-rationalen Modellen vorschlagen.

Kurz: Die Annahme des homo oeconomicus ist in den Wirtschaftswissenschaften nicht universal, doch in vielen Bereichen nützlich. Und diese Annahme bleibt es auch in Zukunft, weil komplizierte, menschliches Verhalten möglicherweise besser approximierende Annahmen soviele Unsicherheitsfaktoren beinhalten, dass die Resultate für Dritte nur aufwendig nachzuvollziehen sind. Und manchmal eine Karte im Maßstab 1:100.000 eben nützlicher ist als eine Karte im Maßstab 1:10.

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