Meinungsumfragen: Glaubenssache? #nrw13


Die bayerische Landtagswahl hat mich auf den Geschmack gebracht, mir die Wahlumfragen für die österreichische Nationalratswahl anzusehen, die auf dem Blog neuwal.com übersichtlich aufgelistet sind. Dabei fällt einem gleich einmal eines auf: Während für Bayern zumindest 1.000 Personen befragt wurden, wählen in Österreich viele Institute einen Abschneider. Sie befragen in der Regel bloß 400-500 Personen, von denen wiederum üblicherweise 20-30% sich zwar befragen lassen, aber keine auswertbaren Antworten geben.

Nun ist die Größe einer Stichprobe alleine nicht aussagekräftig, denn es kommt auch auf die Auswahl der Befragten an. Wirklich repräsentativ kann sie nicht sein, da für manche Variablen, die auf die Wahlentscheidung Einfluss haben, keine Verteilung bekannt ist. Selten werden aber reine Zufallsstichproben gezogen – die in der Regel nicht repräsentativ sind -, sondern bestimmte Eigenschaften verlangt. Das kann wiederum zu einer Verzerrung des Ergebnisses führen. Gleiches gilt für die Methode, mit der die Umfrage erhoben wird. Über das demographische Profil der Befragten erfährt man aber in Österreich nichts, so dass eine fundierte Analyse einer Umfrage, wie sie in den USA gang und gäbe ist, bei uns unmöglich bleibt.

Durch die niedrige Zahl der Befragten sind die Schwankungsbreiten enorm, deren Berechnung übrigens der Statistiker Erich Neuwirth auf seiner Homepage sehr gut erklärt. Die mangelnde Aussagekraft der Befragung ergänzen die Institute durch „Expertenwissen“, Einschätzungen, wie aus dem Befragungsergebnis auf das tatsächliche Verhalten der Grundgesamtheit hochgerechnet werden kann.

Dabei zeigen sich Unterschiede zwischen den Meinungsforschern. Man kann Market-Umfragen bei der neuwal-Übersichtgraphik leicht an den Ausschlägen nach oben für die Grünen erkennen: Das Institut schätzt in den vier Umfragen, die seit Juli für den „Standard“ publiziert wurden, die Grünen bei 15-16%, allerdings mit einer Schwankungsbreite von etwa 3,5%. Das heißt: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% liegt die tatsächliche Stimmung zum Befragungszeitpunkt bei 12,5%-18,5%, und auch ein Ergebnis außerhalb dieses Intervalls ist durchschnittlich bei jeder 20. Befragung zu erwarten.

Spectra, mit immerhin 700 Befragten, sieht die Grünen in der letzten Umfrage bei 13%, bei einer Schwankungsbreite von 2,5%. Also: 10,5%-15,5%. Das sind schon gravierende Unterschiede im gleichen Befragungszeitpunkt, die freilich für unterschiedliche Auftraggeber entstanden sind.

Die berechnete Schwankungsbreite geht allerdings immer von einer idealen Stichprobe aus; da diese in der Realität nicht gegeben ist, kann man gerade bei kleineren Stichproben noch etwas dazulegen. Siehe Kärntner Landtagswahlen, bei denen das tatsächliche Wahlverhalten bei mehreren Parteien zu Ergebnissen außerhalb der Schwankungsbreite jeder Umfrage lag.

Die größten Stichproben verwendet übrigens die Leute von meinungsraum.at für News, die nach eigenen Angaben 1.000 Interviews durchführen. Selbst in dieser Umfrage ist der Abstand zwischen SPÖ und ÖVP statistisch nicht signifikant. Er beträgt 3%, mit einer Schwankungsbreite der Differenz von 4,42%. Mich wundert es daher, dass nicht beide Parteien zwecks Mobilisierung ein Kopf-an-Kopf-Rennen ausrufen.

Der dritte Platz der FPÖ ist dagegen nach unten gut abgesichert, und nur wenige Umfragen sehen eine Möglichkeit der FPÖ, zweitstärkste Kraft zu werden. Persönlich würde ich aber angesichts des Sinkflugs des Teams Stronach, den ich auch anekdotisch im Bekanntenkreis beobachten kann, raten, die FPÖ nicht zu unterschätzen. Ihr Wahlkampf ist zwar relativ schwach, doch die Marke „H.C. Strache“ dafür gut eingeführt und bekannt.

Vor Aussagen für die Kleinparteien würde ich warnen. Alle diese berichten natürlich über „interne Umfragen“, nach denen sie den Einzug schaffen — schon allein, damit nicht Wähler aus taktischen Überlegungen doch eine andere Liste ankreuzen. Diese nebulösen Umfragen, zuletzt von Piraten und Neos ins Spiel gebracht, existieren meist ohnehin nicht. Selbst bei einer Stichprobe von 1.000 Personen ist außerdem die Gefahr groß, bei den Kleinparteien eine relativ gesehen bedeutende Abweichung ihres Anteils an der Grundgesamtheit zu ermitteln. Die Summe der Stimmen, die an Kleinparteien geht, ist dagegen robuster. Selbst diese schwankt in Österreich aber je nach Umfrage für BZÖ, Neos, Piraten und andere zusammen zwischen 5 und 9 Prozent.

Das haben auch die Umfragen zur Bayernwahl gezeigt, bei der etwa FDP und Linke tendenziell etwas überschätzt, andere kleinere Parteien aber unterschätzt wurden. So haben Piraten, Bayernpartei, ödp und die übrigen Listen ohne Landtagsmandat (mit Ausnahme Linke und FDP) zusammen etwa 8,7% erreicht. Diese Summe haben die Umfragen seit Juli zwar in etwa ausgewiesen — zwischen 6% und 8% –, doch dort, wo eine Aufteilung auf einzelne Parteien stattfand, war diese oft signifikant falsch.

Wer sich mehr für die Interpretation von Umfragen interessiert, den verweise ich auf ein Interview mit Erich Neuwirth bei neuwal, und den Blog Wahlfang.at, der nun hier untergeschlüpft ist.

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