Schulmeister über Hayek — das geht nicht gut


Wer lesen will, was ein Ökonom schreibt, der von Theoriengeschichte keine Ahnung hat, dafür festgefahrene ideologische Feindbilder pflegt, dem sei Stephan Schulmeisters neuer Kommentar im „Standard“ empfohlen. Eine Art Selbstdemontage.

Seine Kernthese: Die jetzige Wirtschaftskrise ist ein Produkt der Finanzkrise. Und diese sei nur ein Produkt des Neoliberalismus, und dessen Dominanz sei hauptsächlich die Schuld von Friedrich August von Hayek, der als großer Sympathisant von Diktaturen denunziert wird.

Das ist auf so vielen Ebenen falsch, dass es wehtut.

Hayek und der Mainstream ökonomischen Denkens

Fangen wir bei der Theoriengeschichte an: Friedrich August von Hayek war in den Dreißiger Jahren tatsächlich ein wesentlicher Faktor im ökonomischen Mainstream, seine Artikel wurden lebhaft diskutiert. Doch mit dem Siegeszug des Keynesianismus gerieten die „Österreicher“ mehr und und mehr aus dem Zentrum an den Rand des Diskurses. Hayek selbst beschäftigte sich ab den Vierziger Jahren stärker mit politischer Philosophie, so dass er auch aus diesem Grund nicht mehr ökonomischer Mainstream war.

Aus Keynes’ Ideen und der klassischen Ökonomie schufen Personen wie Paul Samuelson in den Fünfziger Jahren die sogenannte „neoklassische Synthese“, die auch heute noch das Rüstzeug für Studienanfänger der VWL bereithält. Auch die Gegner des Keynesianismus bauten auf dieser Synthese auf, als sie mit der Theorie rationaler Erwartungen frühere Annahmen eines naiv-adaptiven Marktteilnehmers in Frage stellten. Viele Phänomene konnten damit besser erklärt werden. Schließlich kam der Monetarismus um Milton Friedman auf, der als Antwort auf das Versagen keynesianischer Wirtschaftspolitik in der Krise der 70er Jahre gesehen wurde.

In den Siebziger Jahren änderte sich zwar nicht in Österreich, jedoch bei den Vordenkern der VWL einiges: Nun wurde auch das Thema des „Staatsversagens“ stärker thematisiert, die Annahme eines quasi selbstlosen Staats in Frage gestellt und die Problematik von Information in der Ökonomie stärker in den Fokus gerückt. In all dem kommt Hayek nicht vor. Er hat zwar auf vielen Gebieten bereits früher ähnliche Ideen verfolgt, doch die Ökonomen der Siebziger entwickeln ihre Thesen aus einer Auseinandersetzung und Entfaltung der neoklassischen Synthese, nicht einer Wiederbelebung hayekianischer Thesen. Zugespitzt: Chicago liegt nicht in Österreich.

Für den Finanzmarkt haben sich dagegen zwei Ansätze als besonders wirkmächtig herausgestellt: Das Black-Scholes-Modell zur Bewertung von Optionsscheinen, und das Fama-French-Modell. Beide haben viele ähnliche Bewertungsstrategien angeregt, beide sind durchaus nützliche Werkzeuge. Doch wurden und werden diese Bewertungsmodelle als verlässliche Indikatoren von Risken und Wertentwicklungen verwendet, was sie nicht sind. Die nötigen Vereinfachungen dieser Modelle bedeuten immer, das mitunter wesentliche Aspekte nicht berücksichtigt werden können — die völlige Berechenbarkeit des Risikos ist eine Illusion.

Das alles hat aber weiterhin mit Hayek nichts zu tun. Sorry, Stephan Schulmeister. Hayek lehnte übrigens Zeit seines Lebens expansive Geldpolitik ab und träumte von einer Zentralbank, die den Geldwert so stabilisiert, dass er auch kurzfristig die Wirtschaftsentwicklung weder einfriert noch befeuert. Gerade die „Österreicher“ haben eine Ausweitung der Geldmenge wegen ihrer Verzerrung des Preissignals immer kritisiert. Sie können nichts als Kronzeugen der modernen Geldpolitik aufgerufen werden, die Schulmeister als Mitauslöser der Krise identifiziert.

Neoliberalismus?

Schulmeister verwendet den Begriff „Neoliberalismus“ als Chiffre für alle Effekte einer Gesellschaft mit marktwirtschaftlichen Elementen, die er ungerecht empfindet und auf diese marktwirtschaftlichen Elemente zurückzuführen sind. Das ist polemisch heutzutage üblich, doch nichts anderes als Agitation.

Eigentlich entstand der Neoliberalismus als eine neue Idee einer freiheitlichen Grundordnung im Gegensatz zu den totalitären Regimen des Nationalsozialismus und Kommunismus, doch mit einem klaren Blick für eine notwendige ordnende Haltung des Staats in Abgenzung zu reinem Laissez-Faire.

Tatsächlich war die Mont-Pélerin-Society, die Schulmeister bemüht, ursprünglich neoliberal. Auch Hayek war von einem sozial verantwortlichen Liberalismus überzeugt, wie etwa in seiner Befürwortung staatlicher Sicherungssysteme zum Ausdruck kommt.

Dass Hayek nicht seitenlang über soziale Sicherheit schwadroniert hat, sondern über den Notwendigkeit der Freiheit, liegt vor allem daran, dass er diese eben besonders bedroht sah. Der Nationalsozialismus verschlang seine Heimat, der Kommunismus blieb Zeit seines Lebens mächtige Realität, auch im „freien Westen“ war der Glaube an staatliche Allmacht und kollektivistisches Denken weit verbreitet.

Hayeks Anliegen war eine politische Ordnung, die den Menschen ihre Freiheit und Würde lässt, aus der sich eine freiwillige, änderbare private Ordnung entwickeln kann. Daher war er ein Verfechter der Demokratie, aber auch ein Kritiker ihrer Unzulänglichkeiten. Er selbst hatte erlebt, wie Hitler in Deutschland über 40% der Stimmen erreichen konnte, und die Demokratie sich quasi selbst beseitigt hat. Auch der Aufstieg von Populisten, die Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausspielen, blieb ihm nicht verborgen. Gewaltenteilung und die strenge Einhaltung gewisser unveränderlicher Regeln, wie es teilweise im deutschen Grundgesetz verwirklicht ist, waren ihm daher ein großes Anliegen.

Vor diesem Hintergrund sind auch seine Aussagen zu Chile zu sehen, die ihm gerade von der Linken so gerne vorgehalten werden. Hayek lehnte Diktaturen ab; doch wenn die Errichtung einer totalitären Diktatur droht, so kann eine kurzfristige Autokratie notwendig sein, um die Gefahr abzuwehren. Ausgedeutscht: Hayek hätte einen Putsch des deutschen Militärs, um den demokratisch legitimierten Reichskanzler 1933 zu stürzen und damit in Wahrheit vielen tausend Menschen das Leben zu retten, begrüßt. Was Schulmeister an dieser Position so verwerflich findet, ist sein Geheimnis.

Die Generalerzählung der Krise

Schulmeisters Interpretation der jetzigen Wirtschaftskrise hätte ich 2008 verstanden, doch kommt sie mir 2013 nur noch skurril vor. Wenn er die Artikel seiner Zunftkollegen gelesen hätte, wüßte er, dass die ursprüngliche Finanzkrise 2008 nur der Auslöser, aber nicht die Ursache der anhaltenden Krise der Realwirtschaft ist. Finanzkrisen sind auch kein neues Phänomen und kommen immer wieder vor, ohne eine anhaltende Rezession hervorzurufen. Doch manche Länder haben diese Krise gut überstanden — dazu zählen grosso modo auch Deutschland und Österreich —, andere haben sich in der Folge in ein Tal der Tränen verirrt. Das liegt nicht an Finanzalchemie, wie es Schulmeister so gern nennt, sondern an strukturellen Rahmenbedingungen, Institutionen, gesellschaftlichen, politischen und auch demographischen Umständen.

In Großbritannien, in dem die Finanzwirtschaft so eine wichtige Rolle spielt, ist die Arbeitslosenrate im Zuge der Krise von 6% auf fast 8% hochgeschnellt, stieg Ende 2011 auf 8,4%, um nun auf 7,7% zu sinken. Frankreich hatte 7,7% bereits im 2. Quartal 2008, und im Juli 2013 eine Arbeitslosenrate von 11%. In Österreich waren es im 2. Quartal 2008 nur 3,5%, ein außerordentlich niedriger Wert. Auch für Österreich. Für Juli 2013 werden 4,8% geschätzt, ein Wert, der in Vergangenheit 2004-2006 übertroffen wurde. Auch 2009 war die Arbeitslosigkeit höher. In Spanien beträgt sie im 2. Quartal 2013 26,4%, vier Jahre vorher waren es 17,9%. Vier Länder, vier völlig unterschiedliche Entwicklungen am Arbeitsmarktes. Man könnte das an Hand anderer Zahlen ebenso durchspielen: Es gibt keine „Generalerzählung“ der Krise, die für alle Länder zutrifft. Was natürlich kein guter Stoff für Kolumnen ist.

Wie ich schon einmal diskutiert habe, liegt Schulmeisters Problem meines Erachtens darin, dass er sicherlich ein guter Makroökonom ist, aber für Dinge wie Institutionenökonomik oder mikroökonomische Fundierung kein Verständnis hat. Dann wäre ihm auch nicht der Lapsus mit dem „manisch-depressiven Irrsein“ der Finanzmärkte passiert, der die gesamte „neoliberale Theorie“ über den Haufen werfe. Der Satz wäre allein schon wieder einen Aufsatz wert. Seine Fixierung auf die negativen Seiten der Finanzmärkte verengt außerdem seinen Blick für andere Zusammenhänge. Schade, denn Schreiben kann er. Jedenfalls weit besser als ich. Jetzt müssten nur noch die Inhalte stimmen.

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