Ein Radikaler aus Assisi


Der 4. Oktober ist der Gedenktag des hl. Franz von Assisi. Ein Heiliger, der heute gerne verniedlicht wird. Gerne wird er als Patron der Tiere dargestellt, als freundlicher, naturverbundener Mensch. Alles in Ordnung. Doch die grundsätzliche Radikalität seines Lebens wird darüber gerne vergessen.

Franz (oder Franziskus) entsagt der Geborgenheit, dem Wohlstand, dem Beistand seiner Familie, er wollte das Programm umsetzen, das Jesus etwa in Lk 14,26-27.33 verkündet: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. […] Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“

Zu Lebzeiten des Franz war seine Radikalität vielen ein Ärgernis; manche hielten seine Theologie der Armut schlicht für falsch, andere zudem für gefährlich. Eine Theologie, die auch nichts von der Sozialromantik hat, die etwa in der Befreiungstheologie zelebriert wird. Franz ist nicht aus Protest gegen den Wohlstand anderer arm, sondern weil er es für notwendig erachtet, um Jesus wirklich nachzufolgen. Der Besitz soll ihn nicht besitzen.

In der Ordensregel des hl. Franz heißt es, dass alle „minderen Brüder“ ein Leben in „Gehorsam, ohne Eigentum und in Keuschheit“ verbringen sollen. Wer in die Gemeinschaft eintritt, soll nach Prüfung seines Glaubens all das Seinige verkaufen und es unter den Armen verteilen; die Kleidung ist schlicht, auf wenige Stücke beschränkt, aus grobem Tuch. Sie sollen sich nichts aneignen. Wie Pilger, Fremde in der Welt sollen sie sein (1 Petr 2,11), an Dingen arm, an Tugenden reich.

Der Wolf von Gubbio

Ein Beispiel für den Unterschied zwischen moderner und zeitgenössischer Wahrnehmung zeigt sich etwa in der Geschichte des Wolfs von Gubbio. Dieser soll die Einwohner des Städtchens Gubbio terrorisiert haben. Franz stiftet Frieden: Der Wolf gelobt, nichts Böses mehr zu tun, und wird im Gegenzug von den Bewohnern Gubbios versorgt. Denn nur der Hunger habe ihn zu den Missetaten getrieben. Hier ein Beispiel für eine moderne Version für Schulklassen der Diözese Linz.

In der Originalerzählung aus den Fioretti, einer Sammlung lesenswerter Geschichten (also Legenden) rund um den hl. Franz, schließt sich eine Bußpredigt an: „[…] die Flamme der Hölle, welche für die Verdammten ewig zu dauern hat, ist noch viel gefährlicher, als die Wut des Wolfes, welcher nur den Leib töten kann. Wie sehr also soll man den Schlund der Hölle fürchten, wenn schon der Rachen eines kleinen Tieres eine so große Menschenmenge in Furcht und Zittern erhält! Kehrt also zurück zu Gott, Geliebteste, und tut würdige Buße über eure Sünden und Gott wird euch befreien vom Wolfe in der Gegenwart und in der Zukunft vom Feuer der Hölle!“ (Übersetzung von Pius Heinrizi)

Dass Franz die Menschen in kräftiger Sprache zur inneren Umkehr ermahnt, schien dem mittelalterlichen Leser glaubwürdig und passend; zum modernen Franz-Bild passt es nicht.

Doch nach dem Verständnis seiner Zeit — und ich denke, es passt auch heute — drückt sich die Liebe gerade in der Mahnung aus: Wer jemand anderen liebt, dem ist eben nicht egal, wie es mit ihm weitergeht. Der ermahnt ihn, versucht, ihn vor schweren Fehlern zu bewahren, auch wenn der andere zuerst einmal beleidigt ist. Wer jemanden ins Verderben rennen lässt, weil die Mahnung ihn ja verletzen könnte, der liebt eben den anderen nicht mit letzter Konsequenz.

Wehe jenen …

Im Sonnengesang des Franziskus heißt es in der neunten Strophe:

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben.
Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Die Macht der Sünde war für den hl. Franz real wie die Wölfe in den Wäldern seiner Zeit, ihre Wirkung ähnlich verheerend. Dass aber nicht die Sünde, sondern die Liebe einen erfülle, war sein Ziel.

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