Alice Munro


Alice Munro

Alice Munro

Ich gebe zu: Ich liebe kurze Prosa, ob es jetzt Novellen, Kurzgeschichten oder Erzählungen sein mögen. Auch für Romane bin ich grundsätzlich zu haben. Doch sind sie wie ein mehrgängiges Festmahl: Das Entrée setzt die Stimmung; nach einigen Gängen hat man einerseits das Gefühl, man würde schon ewig beim Essen sitzen, freut sich aber bereits auf die nächste Köstlichkeit. Nach der betörenden Nachspeise blickt man zufrieden auf das Mahl zurück, merkt aber, dass man diese Üppigkeit nur ausnahmsweise verträgt. Außerdem gibt es durchaus Bücher, für die Borges’ Satz aus seinen „Fiktionen“ zutrifft: „Ein mühseliger und strapazierender Unsinn ist es, dicke Bücher zu verfassen; auf fünfhundert Seiten einen Gedanken auszuwalzen, dessen vollkommen ausreichende Darlegung wenige Minuten beansprucht.“

Daher ist die frisch gekürte Nobelpreisträgerin für Literatur Alice Munro ganz nach meinem Geschmack. Die Kanadierin hat zahlreiche Sammlungen von Kurzgeschichten, Erzählungen und Kurzromanen veröffentlicht, die erste davon 1968 mit 37 Jahren, die voraussichtlich letzte 2012. Munro hatte erklärt, dass sich mit dem Alter der Blick auf das Leben nun so verändert habe, dass sie wohl nichts mehr veröffentlichen werde.

Die kurze Form ergab sich für sie schon daraus, dass sie als vierfache Mutter (wovon ein Kind leider bald nach der Geburt verstarb) für lange Formen nicht die Zeit aufbrachte. Aber sie ist auch für ihre Art des Erzählens die viel geeignetere, konzisere Form.

Wer Ruhm im Literaturbetrieb sucht, tut sich mit Kurzgeschichten heutzutage freilich schwer. Wie Munro selbst sagt: „Die Literaturkritik betrachtet Kurzgeschichten noch immer als eine Art Übungsform für den Roman, als mindere Disziplin jedenfalls, und ich habe das selber lange geglaubt. Was habe ich mich gequält bei Versuchen, einen Roman zu schreiben! Bis ich irgendwann realisiert habe, dass die Kurzgeschichte die mir gemäße Form des Schreibens ist.“

Das Oeuvre der Kanadierin ist zuerst auf deutsch bei Klett-Cotta betreut worden; einige dieser Titel wurden vor einigen Jahren vom Berlin Verlag wieder aufgelegt. Seit 2000 werden Neuerscheinungen bei S.Fischer herausgebracht, wo ihre vorletzte Sammlung „Too Much Happiness“ als „Zu viel Glück“ erschienen ist. Der Schweizer Verlag Dörlemann hat küetlich zwei frühe Werke von ihr auf Deutsch herausgebracht, ihre erste Veröffentlichung „Dance of the Happy Shades“ und „Something I’ve Been Meaning To Tell You“. Im Wagenbach-Verlag ist eine Zusammenstellung dreier Geschichten unter dem Title „Der Bär kletterte über den Berg“ veröffentlicht worden; die titelgebende Geschichte wurde übrigens als „An Ihrer Seite“ mit Julie Christie verfilmt. Die bei Klett-Cotta erstveröffentlichten Werke wurden von verschiedenen Personen übersetzt. Die bei S. Fischer, Dörlemann und Wagenbach erschienen Geschichten wurden alle von Heidi Zerning übersetzt, die u.a. auch Werke von Truman Capote oder Virginia Woolf betreut hat.

Wer mehr über Alice Munro wissen will, kann etwa auf einen Artikel der FAZ zu ihrem 80. Geburtstag zurückgreifen, gleichzeitig eine Besprechung der Sammlung „Zu viel Glück“. Oder, ebenfalls zu ihrem Achtziger, ein Portrait in der Zeit. Zu ihrem 75er gab sie der „Zeit“ auch ein längeres Interview. Darin spricht sie auch über die gesellschaftlichen Veränderungen der Siebziger Jahre, die ihre simplen Versprechen nicht einlösen konnten, ihren Zugang zum Feminismus, ihre Kinder. Gut geführt, denn die Interviewer Anette und Guido Mingels haben Munro vor allem erzählen lassen, statt sich selbst zu inszenieren.

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