Der Matthäus-Effekt


Selbst ich würde bei „Matthäus-Effekt“ zuerst an den ehemaligen Fußballer denken. Doch nein, dabei geht es nicht um Lothar Matthäus, sondern um etwas anderes. Das Wort wurde vielmehr vom Soziologen Robert K. Merton in Anlehnung an das Zitat in Mt 25,29 geprägt: „Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“

Im ursprünglichen Artikel dazu, „The Matthew Effect in Science“, beschreibt Merton, dass z.B. prominente Wissenschafter auch weitere Beiträge zur Wissenschaft als großer Verdienst angerechnet werden, während das Ansehen anderer Wissenschafter durch vergleichbare Beiträge weniger steigt. Wenn mehrere Wissenschafter gemeinsam einen Artikel verfassen, wird der berühmteste von ihnen derjenige sein, der am ehesten mit der Forschungsarbeit verbunden wird, weil man seinen Namen eben schon kennt.

Mark Goodacre weist dabei auf etwas Spannendes hin: Der Name selbst ist bereits ein „Matthäus-Effekt“, denn das gleiche Zitat findet sich auch in Mk 4,25, Lk 8,18 und Lk 19,26. Doch das Matthäus-Evangelium wird am ehesten für Zitate herangezogen, die sich in mehreren Büchern des Neuen Testaments finden lassen, und verdrängt die anderen.

Dieser Effekt ist auch bei geläufigen Zitaten häufig zu finden. Man hört ein gutes Zitat, vergisst, von wem es wirklich war, und schreibt es jemandem Berühmten zu, der es gesagt haben könnte. Das Internet ist voll von diesen Fehlzitaten. Zum Beispiel findet man auf Dutzenden Seiten das Zitat „Wenn Du ein Kind siehst, hast Du Gott auf frischer Tat ertappt“ — mit der Zuschreibung Martin Luther. Wem dieser Satz zu modern vorkommt, hat völlig recht. In Luthers Werken findet es sich nicht, Zeitgenossen des Reformators kennen den Ausspruch nicht. Eine Zuordnung zu Nobelpreisträger Rabindranath Tagore scheint nicht ausgeschlossen, doch wäre ich auf einen Quellenbeleg neugierig, denn für dieses Zitat habe ich ebenfalls noch keine gängige englische Übersetzung gefunden, die bei diesem zu seiner Zeit sehr geschätzten bengalischen Autor zu erwarten wäre.

Wahrscheinlich stammt es von jemand ganz anderem, der aber offensichtlich bereits vergessen ist. Dank des Matthäus-Effekts wurde ihm das wenige, was von ihm in der Öffentlichkeit kursiert, genommen und bekannteren Namen zugeordnet.

Insofern sollten wir auch mit unseren Ahnen gnädiger umgehen, wenn sie Aussagen falsch zugeordnet haben oder Predigten von Pseudo-Augustinus und Bücher von Pseudo-Isidor gelesen haben: Wenn wir in einer Zeit, in der Informationen so leicht verfügbar sind wie niemals zuvor, Quellen verwechseln und diese Verwechslung die Originalquelle verdrängt – um wieviel mehr konnte das in Zeiten geschehen, in denen man eben nicht einmal schnell nachschauen konnte?

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