Morgenstern. Das ist genug für einen Tag.


Die zwei Wurzeln

Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.

Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.

Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.

Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.

Der 21. Oktober ist ein guter Tag, um an Christian Morgenstern (*1871 † 1914) zu denken. So wie jeder andere Tag auch. Seine mitunter absurden Gedichte und Texte sind voller Sprachwitz, enthalten bisweilen hintergründige Beobachtungen und lassen einen daran zweifeln, wie sicher der Boden ist, auf dem wir zu stehen meinen.

Am bekanntesten sind wohl seine Galgenlieder, aus denen auch das obige Gedicht stammt. Am Anfang des Buches heißt es:

Die Galgenpoesie ist ein Stück Weltanschauung. Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten, Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht. Man weiß, was ein mulus ist: Die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Schulbank und Universität. Nun wohl: ein Galgenbruder ist die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Mensch und Universum. Nichts weiter. Man sieht vom Galgen die Welt anders an und man sieht andre Dinge als Andre.

Das ist auch eine Anspielung auf seine eigene, jahrelange Erkrankung, bei der er öfter dem Tode näher als dem Leben war. Dass Morgenstern sich in den letzten Jahre, die er mehr in Sanatorien und Kuranstalten als sonst wo verbrachte, esoterischen Lehren zuwandte, mag daher verständlich sein. Es kommt aber auch nur in wenigen seiner Texte zum Ausdruck, vor allem in der Sammlung „Wir fanden einen Pfad“.

Morgenstern experimentierte mit Lauten (Das große Lalulā), graphischen Gedichten (Fisches Nachgesang), schrieb klassiche Sonette wie freie Verse. Aus seiner frühen Sammlung „Phantas Schloss“ soll dieser nachdenkliche Text den Eintrag beenden:

Mondaufgang

In den Wipfeln des Walds,
die starr und schwarz
in den fahlen Dämmerhimmel
gespenstern,
hängt eine große,
glänzende Seifenblase.

Langsam löst sie sich
aus dem Geäst
und schwebt hinauf
in den Äther.

Unten im Dickicht
liegt Pan,
im Munde
ein langes Schilfrohr,
dran noch der Schaum
des nahen Teiches
verkrustet schillert.

Blasen blies er,
der heitere Gott:
die meisten aber
platzten ihm tückisch.

Nur eine
hielt sich tapfer
und flog hinaus
aus den Kronen.

Da treibt sie schimmernd,
vom Winde getragen,
über die Lande.
Immer höher steigt
die zerbrechliche Kugel.

Pan aber blickt
mit klopfendem Herzen –
verhaltenen Atems –
ihr nach.

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