Der Konsens gegen Sterbehilfe ist in Gefahr


In Österreich hat sich vor vielen Jahren ein parteienübergreifender Konsens gebildet, dass Menschen in ihren letzten Lebenswochen intensiv begleitet werden sollen und sie diese möglichst gut betreut und möglichst schmerzfrei verbringen sollen. Dementsprechend wurden viele Versäumnisse im Bereich des Hospiz- und Palliativwesens nachgeholt. Zu diesem Konsens gehört auch das Bekenntnis, dass im österreichischen Gesundheitssystem die Ärzte, Krankenschwestern, Krankenpfleger usw. lebensrettend und lebenserhaltend tätig sein sollen, in bestimmten Fällen eine Lebensverkürzung als Nebenwirkung in Kauf nehmen können, aber niemals die Beendigung des Lebens ihr Ziel sein kann. Das verträgt sich nicht. Der Tod ist keine Therapie.

Das „Standard“-Interview mit der voraussichtlichen Gesundheitssprecherin der Grünen, Eva Mückstein, lässt daher aufhorchen. Wobei sie die Interviewerin, Kathrin Burgstaller, in das Thema ein wenig hineindrängt: Mückstein redet lieber über die Versorgung mit Therapieplätzen, insbesondere Psychotherapie – sie ist schließlich selbst Psychotherapeutin. Oder über Kindergesundheit und Prävention. Doch dann wird sie mit einer Stelle aus dem Grünen Programm konfrontiert, die der Interviewerin auch noch sehr weitgehend interpretiert wird. Die Frage: „Im grünen Grundsatzprogramm heißt es: ‚Die autonome Entscheidung Todkranker über ein Sterben in Würde stellt für die Grünen einen hohen Stellenwert dar, der im Sinne der Patientenverfügung zu respektieren ist.‘ Wie wichtig ist das Thema Sterbehilfe für die Gesellschaft?“

Sterbehilfe ist ja an und für sich schon ein propagandistischer Kunstbegriff, denn es soll ja niemandem beim Sterben „geholfen“ werden, höchstens „nachgeholfen“. Es geht um Tötung auf Verlangen. Mückstein spricht sich hier für eine Diskussion aus, was üblicherweise eine Chiffre für die Erlaubnis der Tötung auf Verlangen ist. Denn wenn man am Status quo nichts ändern wollte, bräuchte man ja keine Diskussion. Dabei wird die Überalterung ins Treffen geführt – ein klarer Hinweis, in welche Richtung es eigentlich geht.

Üblicherweise wird in solchen Diskussionen mit herzzereißenden Fällen für eine Freigabe der Tötung geworben. Doch mit passend aufbereitet und rezipierten Fällen kann man so ziemlich alles beweisen. Für ein allgemeines Gesetz (kategorischer Imperativ) taugen solche Geschichten wohl kaum. Doch darum geht es, auch wenn gerne sanft verschwiegen wird, dass eine solche Norm eben nicht für einige wenige „Einzelfälle“ gilt, sondern eine allgemeine, breite Regelung bedeutet, die beispielsweise den Rechtfertigungsdruck für jede lebenserhaltende oder -verlängernde Behandlung bei teuren Patienten erhöht.

Gerne werden für die Tötung auf Verlangen, wie sie ja in Belgien und den Niederlanden breit und nicht immer nur auf Verlangen praktiziert wird, die Argumente der „Autonomie“ und des „Sterbens in Würde“ angeführt, die beide hanebüchen sind. Der kürzlich publik gewordene Fall einer Person, die nach erfolgter Geschlechtsumwandlung sich wegen resultierender psychischer Probleme töten ließ, oder die geringe Zahl von Depressiven in den Niederlanden, seit es dort Euthanasie gibt, sind nur ein Beispiel dafür, dass viele der Getöteten psychisch krank waren und daher keine freie, selbstbestimmte Entscheidung treffen konnten. Freilich spart das den Staat Therapiekosten – Psychotherapien werden bekanntlich besonders ungern öffentlich finanziert.

In Grenzsituationen ist es mit der Autonomie ebenfalls nicht mehr weit her, weil man eben etwa unter dem Eindruck der Schmerzen oder dem durch das Wissen um den baldigen Tod verdüsterten Gemüt nicht mehr ruhig und vernünftig abwägen kann.  Das sogenannte „Sterben in Würde“ ist angesichts der Umstände, in denen die sogenannte Sterbehilfe gewöhnlich vollzogen wird, überhaupt bloße Propaganda. Andersrum: Wenn das Setzen einer lethalen Injektion im Spital „Sterben in Würde“ darstellt, gilt das wohl für die Hinrichtung in Texas ebenso. Humbug.

Ein Kommentar im „Standard“ bringt aber einen besonders gewichtigen Einwand auf den Punkt: „Solange wir in einer Gesellschaft leben, in der sich der Wert von Menschen nach deren ökonomischer Verwertbarkeit bemisst, sollten wir über Euthanasie nicht mal ansatzweise diskutieren.“

Wir dürfen nicht zulassen, dass das Recht auf Leben endgültig verschwindet und durch eine vorverlegte Pflicht des Todes ersetzt wird.

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