Die Friedhöfe sind ja nicht für die Toten, sondern für die Lebendigen


In Peter Rosseggers „Schriften des Waldschulmeisters“, 2. Teil findet man einen berührenden Text zum Allerseelentag, in dem sich persönliche Überlegungen zu diesem Tag mit volkstümlichen Brauchtum und dem Leben der Menschen in der Waldheimat vermischen. Beim Deutschen Textarchiv kann man den Text auch im Faksimile der Ausgabe von 1875 lesen.

Allerseelen 1817

Das ist ein lautloses Auf- und Niedergehen der Menschen.

Ein Tröpflein sammelt sich am hohen Zweig des Baumes, sickert hinaus auf die letzte Nadel, wiegt sich und glitzert und funkelt, oft grau, wie Blei, oft rot, wie Karfunkel. Kaum noch hat es die Farbenpracht des Waldes und des Himmels in sich gespiegelt, so zieht ein Lufthauch und das Tröpflein löst sich von dem wiegenden Tannenzweig und fällt nieder auf den Erdengrund. Und der Erdboden saugt es ein und keine Spur ist mehr von dem funkelnden Sternchen.

So auch lebt des Waldes Kind und so vergeht es.

Draußen ist es anders. Draußen erstarren die Tropfen in dem frostigen Hauch der Sitte, und die Eiszapfen klingeln aneinander und im Niederfallen klingeln sie und ruhen, eine Weile noch der Welt Herrlichkeit in sich spiegelnd, auf dem Erdboden, bis sie zerfließen und vertauen, wie der Gedanke an einen lieben Toten.

Draußen sind ja die Friedhöfe nicht für die Toten, sondern für die Lebendigen. Der Lebende feiert dort das Andenken an seine Vorfahren und er feiert seine künftige Friedhofsruhe. Für den Lebenden ist das Rosenbeet und die Inschrift. Der Lebende empfindet in seinem Gemüte die Ruhe, wenn er an den Schläfer denkt, der von Drangsal erlöst ist. Der Lebende fühlt das Hinabsinken des Toten und hofft für jenen die Urständ. – Niemand geht unbelohnt über Friedhofserde; diese Schollen kühlen die Leidenschaften und erwärmen die Herzen, und nicht allein des Todes Frieden steht auf den Blumenhügeln geschrieben, sondern auch des Lebens Wert.

Der Wald legt Ruhe, wohin Ruhe gehört. Dort hat der tote Schläfer kein Nachtlicht, wie der lebendige keines gehabt. „Das ewige Licht leuchte ihnen!“ ist das einzige Begehren. Die Spätherbstsonne lächelt matt und verspricht ihren ewigen Glanz, und der nächste Frühling sorgt für Blumen und Kränze.

Nicht der toten Leiber wird im Walde gedacht, sondern ihrer lebenden Seelen Wehe, wenn diese sündig verstorben im Fegefeuer schmachten!

Als der hungernde Hans seinem hungernden Nachbar auf der Au das Stück Brot hat gestohlen und darauf war verstorben, da war der Urwald noch nicht gestanden. Der Leib war verwesen, der Hans vergessen, die Seel’ ist im Fegfeuer gelegen. Die Au ist zum Walde, der Wald ist zur Wildnis geworden; die Wölfe heulen und kein Mensch ist weit und breit; an den Hängen des Gebirges wogen Sommerlüfte und Winterstürme, und mit jeder Minute ein Körnlein Sand; und mit jedem Jahrhundert eine Bergeswucht rollt in die Tiefe der Schluchten. Und die arme Seele liegt im Feuer. Wieder kommen Menschen in die Einöden und die Hochwälder fallen, und Hütten und Häuser erstehen und eine Gemeinde wird gebildet – die Seele aus alten, längst untergegangenen Sonnen liegt in den Gluten des Fegfeuers und ist verlassen und vergessen.

Aber ein Tag geht auf im Jahre, solch’ vergessenen Seelen zum Troste.

Als Christus der Herr am Kreuz ist gestorben und nur noch der letzte Tropfen Blut in seinem Herzen ist gewesen, da hat ihn sein himmlischer Vater gefragt: „Mein lieber Sohn, die Menschheit ist erlöst; wem willst du den letzten Tropfen deines rosenfarbenen Blutes zukommen lassen?“ – Da hat Christus der Herr geantwortet: „Meiner lieben Mutter, die am Kreuze steht; auf daß ihre Schmerzen sollen gelindert sein.“ – „O nein, mein Kind Jesus,“ hat darauf die Mutter Maria geantwortet, &bquo;wenn du den bitteren Tod willst leiden für die Menschenseelen, so mag ich die Mutterpein auch noch ertragen, ist sie gleichwohl so groß, daß sie nicht das Meer kann löschen, und wär’ die ganze Erden ein Grab, sie nicht kunnt begraben. Ich schenke den letzten Tropfen deines Blutes den vergessenen Seelen im Fegfeuer, auf daß sie einen Tag haben im Jahr, an dem sie von dem Feuer befreit sind.“

Und so sei – nach der Sage Deutung – Allerseelentag entstanden. An diesem Tage sind auch die verlassensten und vergessensten Seelen von ihrer Pein befreit und stehen im Vorhofe des Himmels, bis der letzte Stundenschlag des Tages sie wieder in die Flammen ruft.

Das ist im Walde der Sinn und Gedanke des Festes Allerseelen, und manche gute Tat wird geübt auf die Meinung, den abgeschiedenen Seelen die Feuerspein zu lindern.

Über den einsamen Gräbern aber brauen die Spätherbstnebel, und junger Schnee verbirgt des Hügels letzten Rest, und darauf haben etwa die Klauen eines Hähers ein Kettchen gezogen – als einziges Zeichen des Lebens, das hier oben noch waltet – des unauflöslichen Bandes Deutung: um Leben und Tod ist eine ewige Kette gewunden.

Heute muß ich oft an den Lucas denken. Ein Brenner, der in den Lautergräben begraben liegt. Dem Holzmeister Luzer ist in einer Nacht ein Ziegenbock gestohlen worden, unweit von der Lucas-Hütte haben sie hernach vom Tiere Haut und Eingeweide gefunden. Da ist’s offenbar: der Lucas ist der Dieb. Und wie im Walde schon überall die Lässigkeit herrscht, so klagen sie den Brenner nicht an und so kann er sich nicht rechtfertigen. Gleichwohl hat er gemerkt, wie er bei den Leuten im Arg steht. Und einmal hat er ausgerufen: „Hättet ihr mir meine Hände abgehauen, hättet ihr mir das Augenlicht genommen, ich wollte zufrieden sein. Aber ihr habt mir meine Ehre weggenommen – jetzt ist’s vorbei.“ Die Leute haben gesagt: „Mag er sich winden und wenden wie er will, den Ziegenbock hat er doch gestohlen.“ Ist der Lucas darüber närrisch geworden. „Diebe muß man hängen,“ soll er gesagt haben – und hat man ihn nachher an dem Aste einer Föhre gefunden. Von jeher haben sich Selbstmörder ihren Grabplatz selber gewählt; so haben sie den Lucas zwischen den roten Wurzeln der Föhre verscharrt.

Erst vor wenigen Wochen hat er sich ereignet, daß ein arbeitsloser Holzmann auf dem Totenbett das Geständnis abgelegt, er wäre es, der dem Luzer den Bock davongetrieben hatte. – Ich werde heute doch noch zum Grabe des Lucas in die Lautergräben gehen. –

Dann gibt es in den Winkelwäldern noch ein Grab, das die Leute wissen und verachten. Und dennoch ist es an diesem Tage des Gedächtnisses nicht einsam gewesen.

Das Töchterlein des schwarzen Mathes hat am Grab des Vaters wieder ein Blatt gefunden.

»Mir geht es wohl. Ich denke an meine Mutter, an meine Schwester und an meinen Vater. Lazarus.«

Das ist die Botschaft. Die einzige Botschaft von dem verschwundenen Knaben seit vielen Tagen. Die Schriftzüge sind dieselben, wie auf dem ersten Blatte.

Keine Menschenspur geht außer der des Mädchens zum Grabe hin, keine davon. Pfade von Füchsen und Rehen und anderen Tieren ziehen in Zick und Zack durch den winterlichen Wald.

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2 Gedanken zu “Die Friedhöfe sind ja nicht für die Toten, sondern für die Lebendigen

  1. Welch ein schöner Text. An diese Melancholie und an das Geheimnisvolle in diesem Text kann doch kein Hollywoodfilm ankommen, meine ich.
    Bei der Sage vom letzten Blutstrophen krieg ich einen Kloß in den Hals. Viele der Geschichten von früher sind so liebevoll.

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