Psalm 144 und das fehlende נ


Am heutigen 31. Sonntag im Jahreskreis kann nach der Lesung aus dem Alten Testament der Lobpsalm 144 (nach masoretischer Zählung 145) gesungen werden. Dieser Psalm ist für Verfechter der Septuaginta interessant, denn im überlieferten hebräischen Text scheint ein Vers zu fehlen. Woran man das erkennt? Weil die Anfangsbuchstaben jedes Verses der Reihe nach das hebräische Alphabet ergeben, also ein Akrostichon. Doch der vierzehnte Buchstabe, das hebräische נ (nun) fehlt.

Im Text der Septuaginta gibt es aber an dieser Stelle einen Vers, dessen Anfang bei Rückübersetzung das passende נ (nun) ergeben würde: „πιστὸς κύριος ἐν τοῖς λόγοις αὐτοῦ καὶ ὅσιος ἐν πᾶσι τοῖς ἔργοις αὐτοῦ.“ — „Treu ist der Herr in seinen Worten und geheiligt in all seinen Werken.“ Hebräisch soll dies „נאמן אלוהים בדבריו וחסיד בכל מעשיו“ lauten, was ich mangelns Hebräisch-Kenntnissen nicht bestätigen kann. Dieser Teil des Verses 13 ist dem Vers 17 sehr ähnlich; insofern wäre ein einfacher Kopistenfehler möglich, der im überkommenen masoretischen Text zum Verlust jenes Verses geführt hat, der in der Septuaginta erhalten geblieben ist. Die Vulgata folgt hier der Septuaginta. Da der Vers sowohl in den Qumranrollen auf Hebräisch belegt als auch in der Peschitta bezeugt ist, wird er auch in mehreren neuen Bibelübersetzungen wieder ergänzt, so etwa in der Nova Vulgata, der New International Version oder der Lutherbibel von 1984.

Nun gibt es eine heftige Kontroverse darüber, ob dieser Vers im masoretischen Text fehlt oder nicht, die freilich vor allem von ideologischen Momenten dominiert ist. Wer, wie etwa manche orthodoxe Juden, von der Fehlerlosigkeit des überlieferten Textes überzeugt ist, wird a priori den Vers als Interpolation sehen. Wer, wie etwa manche orthodoxe Christen, die Septuaginta als authentischere Form des Alten Testaments annimmt als den masoretischen Text, wird a priori den Vers für original halten. Beide Positonen sind in bezug auf Psalm 144 argumentierbar.

Der Psalm wird im jüdischen Gottesdienst übrigens regelmäßig rezitiert, und zwar als Kernstück des Aschrei-Gebets. Allerdings ist dieses Gebet wohl erst nach der Zerstörung des Tempels entstanden und kann daher nicht als Zeuge der ursprünglichen Struktur des Psalms herhalten.

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