Der unpolitische Politik-Journalist ist ein Mythos


Michael Fleischhacker legt den Finger in eine offene Wunde: Ja, Journalisten betätigen sich auch dann politisch, wenn sie nicht für eine Partei kandidieren. Und je aktivistischer der Journalist agiert, desto politischer ist er. Dass Fleischhacker das in einem Kommentar in einer Zeitung, deren Chefredakteur er selbst gewesen ist, tuen kann, erfreut.

Das Selbstbild des objektiven Journalisten, der berichtet und unbeirrbar objektive Missstände aufdeckt, ist ein Mythos, der wenig mit Ursprung und Zukunft der Zunft zu tun hat. Wer sich durch das Zeitungsarchiv der Nationalbibliothek klickt, kann sich davon gerne selbst überzeugen. Weder die „Arbeiter-Zeitung“ noch die „Reichspost“ waren unpolitische Berichterstatter, und auch die „Neue Freie Presse“ hatte einen klaren politischen Kurs, der sich in Themenauswahl, Stil und Kampagnen ausdrückte.

Max Weber widmete daher in seinem 1919 gehaltenen Vortrag „Politik als Beruf“, den Fleischhacker in seinem Kommentar zitiert, einen Teil dem „Politischen Journalisten“ als Typus des Berufspolitikers.

Fleischhacker fokussiert sich auf den „investigativen Journalismus“ á la Falter und Profil, der nicht an einem abgerundeten Bild einer Sache interessiert ist, sondern politische Gegner mit moralisch grundierten Anklagen konfrontieren und belasten will. Oft bleibt von diesen Skandalen nach Prüfung wenig übrig; der Schaden ist aber erfolgreich getan, die Geschichte bleibt picken. Beispiel: Die Grippemasken-Geschichte, bei der die frühere Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat und ihr Ehemann Alfons Mensdorff-Pouilly der Selbstbereicherung bezichtigt wurden. Rauch-Kallat klagte, schließlich willigte das Magazin „profil“ in einen Vergleich ein, mutmaßlich, um einer Verurteilung zu entgehen.

Andere Beispiele ließen sich mühelos aufzählen, von der medial kolporierten, aber frei erfundenen illegalen Pflegerin der Familie Schüssel bis zur aktuellen Kampagne gegen den Wiener Magistrat, weil er im dortigen Stadtpark auf die Einhaltung des Landesrechts pocht.

Max Weber hat aber noch etwas beobachtet, was 1919 wie 2013 die Medienlandschaft prägt: Die deutliche Beinflussung der Berichterstattung durch Inserate.

Dass trotz der offensichtlichen Beeinflussung der redaktionellen Linie mehrerer Medien durch Regierungsinserate die Verfahren etwa gegen Werner Faymann und Josef Ostermayer in diesem Zusammenhang eingestellt wurden und gleichzeitig ein Verfahren gegen vier Landespolitiker in einer ähnlichen, wenn auch finanziell deutlich geringer ausfallenden Sache eröffnet wird, zeigt nebenbei bemerkt so viel Chuzpe, dass es bei genug Zynismus fast schon wieder bewunderswert ist.

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