Jeder ist doch Mittelstand


Manchmal liest sich mein Blog mehr wie eine Zeitungsschau. Diesmal: Richard Herzinger fällt in der „Welt“ auf, dass die Definitionen von „Reich“ und „Arm“ relativ sind. Und dass der so oft kritisierte demonstrative Konsum direkt und indirekt mehr für die Entwicklung einer Gesellschaft bewirken könnte als manche Umverteilung.

Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass bei einem Nettoverdienst von knapp über 3000 Euro im Monat das oberste Einkommensdezil in Deutschland beginnt, dass in verschiedenen Papieren mit den Reichen gleichgesetzt wird, ein in Deutschland und Österreich in der Politik negativ konnotierter Begriff. Herzinger:

Beim näheren Nachdenken bringt mich die verblüffende Behauptung, ich sei reich, freilich doch noch ins Grübeln. Ist es, vergleicht man es etwa mit den Möglichkeiten eines Hartz-IV-Beziehers, nicht Ausdruck enormen Reichtums, sich problemlos ab und zu ein gutes Abendessen in einem etwas teureren Restaurant, und, wenn es spät geworden ist, ohne Bedenken ein Taxi nach Hause leisten zu können? […] Aber selbst diejenigen, die kaum etwas gespart oder angelegt haben, stehen gegenüber den Ärmsten der Armen noch immer unvergleichlich gut da. Nimmt man einen vor Lampedusa im Meer treibenden afrikanischen Flüchtling zum Maßstab, muss die Lebenssituation selbst eines deutschen Niedriglöhners als unfassbarer Überfluss erscheinen.

Herzinger bringt dabei ein bekanntes Problem zum Ausdruck: Reichtum und Armut sind für die meisten Menschen Begriffe, die sich an ihrer persönlichen Umwelt und ihrem Status orientieren. Woran man sich selbst als Lebensstandard gewöhnt hat, ist in unserer „Mittelstandsgesellschaft“ der Urmeter der Normalität. Die Spreizung derer, die sich als Angehörige des respektabel verdienenden Mittelstands sehen, ist daher enorm.

Wenn von Besteuerung der „Reichen“ die Rede ist, nimmt man an, nicht gemeint zu sein. Man ist doch bestenfalls besserer Mittelstand. Geht es um Unterstützung für die „schwächsten der Gesellschaft“, so zählt man sich selbst ebenso selten zu den Angehörigen. Höchstens vorübergehend. Das ist aber auch Ausdruck des zum Glück gestiegenen Wohlstands. Auch ein statistisch armutsgefährdeter Mensch muss sich zwar um seinen Lebensstandard, nicht aber um sein Überleben sorgen machen.

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