Die EZB dreht den Geldhahn auf. Gut so.


Was die EZB heute getan hat, war ein längst überfälliger Schritt:

  1. Der Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte des Eurosystems wird um 25 Basispunkte auf 0,25 % gesenkt. Dies gilt erstmals für das am 13. November 2013 abzuwickelnde Geschäft.
  2. Der Zinssatz für die Spitzenrefinanzierungsfazilität wird mit Wirkung vom 13. November 2013 um 25 Basispunkte auf 0,75 % gesenkt.
  3. Der Zinssatz für die Einlagefazilität wird unverändert bei 0,00 % belassen.

Warum? Im September wies der Harmonisierte Verbraucherpreisindex eine Inflationsrate von 1,1% aus; das ist deutlich unter dem EZB-Zielwert von 2% oder knapp darunter, bei dem die EZB die Inflationserwartungen verankern will und wie es auch ihr gesetzlicher Auftrag ist. Dazu tragen besonders Spanien, Portugal, Italien, Irland und Griechenland bei. Letzteres hat sogar eine Deflation von -1,0% ausgewiesen. Aber selbst in Deutschland beträgt die Inflation derzeit nur 1,6%; das wäre selbst zu Bundesbankzeiten ein sehr niedriger Wert gewesen. Im Oktober wird die Inflation der Eurozone wahrscheinlich noch niedriger gewesen sein, wie Mario Draghi in der Pressekonferenz der EZB bemerkt hat.

Mark Schieritz, mit dem ich zwar wirtschaftspolitisch nicht so oft übereinstimme, bringt es auf den Punkt:

Schon um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, musste die EZB die Zinsen daher noch einmal senken. Das hilft der Wirtschaft, weil unter anderem die Aufwertung des Euro gedämpft würde. Die Stärke der Währung macht derzeit vor allem den Exporteuren im Süden ihr Geschäft kaputt.

Der ökonomisch simpelste Grund, warum eine so niedrige Inflation keine gute Idee ist: Geldpolitik soll so verlässlich und stabil sein, dass sie quasi unsichtbar wird. Das heißt: Stabile Inflationsraten, auf die man sich bei seinen Planungen verlassen kann. Ein anderer: Geld ist auch das Schmiermittel der Wirtschaft.  Ein wenig Inflation ermöglicht Anpassungen von Preis- und Lohnrelationen, ohne nominelle Kürzungen vornehmen zu müssen, die wir dank Geldwertillusion gar nicht mögen. Aber auch aus ganz praktischen Gründen: Schulden und Einkommen werden in der Regel in nominellen Geldeinheiten bemessen. Eine Kürzung des nominellen Einkommens erhöht die reale Last der Schulden, was weder Schuldner noch Gläubiger recht sein kann. (Warum eine hohe Inflation ebenfalls schlecht ist, brauche ich wohl nicht zu erläutern.)

Die wirtschaftliche Lage der Eurozone ist in Wahrheit außerdem immer noch desaströs. Dazu hat nebenbei bemerkt die Bankenpolitik der EU beigetragen. Mit einer Unzahl neuer Regulierungen und stark verschärfter Eigenkapitalvorschriften wurden die Banken gleichsam gezwungen, ihre Kreditvergabe drastisch zu reduzieren. Kritiker argwöhnen, dass gerade das normale Bankengeschäft zureguliert würde, obwohl es mit der Bankenkrise wenig zu tun habe; und die neuen, umfangreichen Regulierungen ein Wettbewerbsvorteil der Großen seien, die sich die Compliance eher leisten können – daher würde  „too big to fail“ geradezu Vorschub geleistet. Wie dem auch sei: Die geldpolitische Transmission hat eine Menge Sand ins Getriebe bekommen. Anders gesagt: Die EZB muss die Geldbasis viel mehr ausweiten als früher, um bei der Gesamtgeldmenge den gleichen Effekt zu erzielen. Das zeigt auch die lahme Entwicklung der Geldmenge M3, bei der die unorthodoxe Geldpolitik der EZB praktisch keine Spuren hinterlassen hat.

Will die Geldpolitik zumindest nicht kontraktiv wirken, musste die EZB daher handeln.

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