Zum 9. November 1938


Das Gedenken zum 75. Jahrestag der „Reichskristallnacht“ oder Novemberpogrom hat seine Schatten schon weit vorausgeworfen. Zugegeben, beide Audrücke sind etwas problematisch. Der erste klingt verharmlosend, dafür ist er bildhaft; der zweite ist sehr technisch — wieviele Mensche werden bei dem Begriff „Pogrom“ emotional? – und seltsam unpräzise: Pogrome sind ja Ausschreitungen, und gerade die spontane Qualität einer Ausschreitung kann man den von Parteikadern organisierten Gewalttaten wohl kaum zuschreiben.

Nach offizieller Darstellung der NS-Behörden sollten die Zerstörungen und Gewaltakte bloße „Ausschreitungen“ „spontanen Volkszornes“ wegen der Ermordung des deutschen Gesandtschaftsrats erster Klasse Ernst vom Rath durch den polnischen Staatsbürger Herschel Grynszpan gewesen sein. Grynszpans Tat war wiederum eine Reaktion auf die Ausweisung polnischer Juden aus Deutschland, die im ebenfalls antisemitischen Polen nicht aufgenommen wurden und eine Zeitlang im Niemandsland strandeten.

Politisch war die Aktion des Regimes ein Fehlschlag. Wohl haben zutiefst antisemitische Sympathisanten des Regimes die Aktion gutgeheißen. Doch der Popularität insgesamt hat es wohl nicht gut getan. Die Mehrheit schätzt in der Regel keine Chaostage. Und, um es kaltblütig auszudrücken: Es war für viele Leute sicher leichter zu rationalisieren, dass der jüdische Nachbar plötzlich „weg war“, als die Zerstörung seines Eigentums und seine Demütigung tatsächlich mitzuerleben.

Die außen- und wirtschaftspolitischen Folgen der Reichskristallnacht waren ebenso negativ. Man muss ja den Zusammenhang sehen: Deutschland hatte erst durch das Münchener Abkommen einen großen Erfolg erzielt, und durch den ersten Wiener Schiedsspruch vom 2. November 1938 sich als Ordnungsmacht in Mitteleuropa profiliert. Trotz dieser Erfolge drehte die deutsche Führung offensichtlich weiter an der Eskalationsschraube: Nur eine Woche später erschien nun von der Partei gelenkter Mob auf den Straßen, und zerstörte dabei völlig straflos auch Eigentum von Ausländern. Insbesondere in den USA und Großbritannien wurde diese Barbarei sehr negativ aufgenommen und offiziell protestiert. Das Image Deutschlands verschlechterte sich deutlich. Die USA riefen auch ihren Botschafter zurück. Die deutschen Exporten litten in der Folge empfindlich, da etwa Handelsverträge gekündigt wurden und der Boykott deutscher Waren zunahm.

Ein Blick in die damals gleichgeschalteten Zeitungen ist übrigens aufschlussreich. Am 10. November machte die „Wiener Zeitung“ mit einem Bericht über den 15. Jahrestag des Hitler’schen Putschversuches von 1923 auf. Der Tod vom Raths wird ebenfalls auf der Titelseite gemeldet, mit Beileidstelegrammen Hitlers und Heß’. Erst auf Seite fünf findet sich eine kleine Meldung über „Spontane Demonstrationen gegen Juden in Dessau“, bei der sich die Massen angeblich zurückgehalten hätten. Das „Neue Wiener Journal“ rückt vom Rath mit Foto aus Titelblatt, so auch die „Neue Freie Presse“. Die Linzer Tagespost berichtet kurz über „spontane Kundgebungen“. Eine scharfe Reaktion auf die Ermordung vom Raths wird in Aussicht gestellt.

Einige Zeitungen veröffentlichten am 11. November einen kurzen Aufruf Goebbels, der zur Ruhe aufruft (wo doch Goebbels selbst einer der Drahtzieher hinter den Gewalttaten war) und neue antisemitische Gesetze in Aussicht stellt, wobei als Ursache „Vergeltungsaktionen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte“ genannt werden. Die Linzer Tagespost berichtete unter „Nachrichten aus dem Heimatgau des Führers“ am 11. schließlich ausführlich über „Ausbrüche der Empörung“. Die „Wiener Zeitung“ verwendete dagegen nur drei Kurzmeldungen, etwa dieser Art: „Gestern kam es auch in Wien zu Zusammenrottungen der erbitterten Volksgenossen und Volksgenossinnen[!]. Die Volkswut richtetesich [!] auch gegen die Synagogen, in denen schließlich Brände ausbrachen.“

Dieses Muster setzt sich fort: In „gehobeneren“ Blättern verlegte man sich auf antisemitische Ausfälle im allgemeinen und kurze Andeutungen. Besonders parteitreue und Boulevard-Blätter berichteten dagegen ausführlich, dabei zwischen Verharmlosung und Stolz über die Angriffe schwankend; so etwa das „Neuigkeits-Welt-Blatt“.

Durch die Zeitungslektüre wird aber klar, wie die Inszenierung des Volkszorns durchgeführt wurde und warum sie mißlang: Am 9. November waren im ganzen Land Erinnerungsfeiern an den Hitlerputsch von 1923, so z.B. eine „nächtliche Weihestunde auf dem Michaelerplatz“ in Wien. Damit waren die Kader versammelt, ein Losschlagen leicht möglich. Umgekehrt war damit aber auch durchsichtig, woher die „spontanen“ Angreifer kamen, waren sie doch z.T. noch in der Montur der Feiern ausgerückt.

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