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Bastiat: Was ist der Staat?


Dem Menschen sind Mühsal und Leiden zuwider. Und dennoch ist er von der Natur zum Schmerz des Entzuges verurteilt, wenn er nicht die Mühsal der Arbeit auf sich nimmt. Er hat also nur die Wahl zwischen diesen beiden Übeln.

Was tun, um alle beide zu vermeiden? Er hat bisher nur ein Mittel gefunden und wird nie ein anderes finden: Dies ist die Arbeit anderer zu genießen; das heißt dafür zu sorgen, dass die Mühsal und die Befriedigung nicht jeden im natürlichen Verhältnis treffen, sondern alle Mühsal für die einen ist und alle Befriedigung für die anderen. Daher die Sklaverei, daher auch der Raub, welche Form er auch annimmt: Krieg, Gaunerei, Gewalttat, Beschränkung, Betrug, etc. – monströse Missstände, aber folgerichtig aus dem Gedankengut, das sie aufgebracht hat. Man muss die Unterdrücker hassen und bekämpfen, man kann nicht sagen, sie seien absurd.

Der Unterdrücker wirkt nicht mehr direkt durch seine eigenen Kräfte auf den Unterdrückten. Nein, unser Gewissen ist dafür zu empfindlich geworden. Es gibt wohl noch den Tyrann und das Opfer, aber zwischen sie stellt sich ein Vermittler – der Staat – das heißt das Gesetz selbst. Was könnte besser unsere Skrupel zum Schweigen bringen und – das schätzen wir vielleicht noch höher – Widerstände besiegen? Also wenden wir uns alle mit irgendeinem Anspruch, unter dem einen oder anderen Vorwand, an den Staat. Wir sagen ihm: „Ich finde zwischen meinem Vergnügen und meiner Arbeit kein Verhältnis, das mich zufriedenstellt. Ich würde gerne, um das erwünschte Gleichgewicht herzustellen, ein kleinwenig von dem Gut anderer nehmen. Aber das ist gefährlich. Könnten Sie mir die Sache nicht einfacher machen? Können Sie mir nicht eine gute Stelle geben? Oder vielleicht die Industrie meiner Konkurrenten behindern? Oder vielleicht auch mir gratis Kapital zur Verfügung stellen, das Sie seinen Besitzern wegnehmen? Oder meine Kinder auf öffentliche Kosten aufziehen? Oder mir Förderungsprämien zugestehen? Oder mir Wohlstand zusichern, wenn ich fünfzig bin? Auf diese Weise würde ich ganz ruhigen Gewissens zum Ziel kommen, denn das Gesetz selbst hätte für mich gehandelt, und ich hätte alle Vorteile des Raubes ohne sein Risiko und seinen schlechten Ruf.

Da wir einerseits sicher alle an den Staat irgendeine ähnliche Forderung richten, und andererseits erwiesen ist, dass der Staat nicht die einen zufriedenstellen kann ohne die Arbeit der anderen zu vermehren, glaube ich mich berechtigt – in Erwartung einer anderen Definition des Staates – hier die meine zu geben. […]

Der Staat ist die große Fiktion, nach der sich jedermann bemüht, auf Kosten jedermanns zu leben.

— Frédéric Bastiat (*1801 † 1850)

Der französische Ökonom Frédéric Bastiat war ein scharfsichtiger und -züngiger Beobachter, ein glühender Verfechter des klassischen Liberalismus, ein unermüdlicher Kämpfer gegen ökonomische Unbildung. Wenn man sich die heutige Entwicklung Frankreichs ansieht, muss man sagen: Vergebens.

Der obige Auszug aus der Schrift „Der Staat“ entstammt der Übersetzung Marianne Diems aus dem Französischen. Gemeinsam mit Claus Diem betreibt sie unter bastiat.de eine sehr informative Website über Bastiat, einschließlich der Übersetzung wesentlicher Schriften des Franzosen, der in kurzer Zeit ein reiches Oeuvre verfasste.

Darunter befindet sich z.B. seine berühmte Petition der Kerzenmacher, die zum Schutz ihrer Produktion das Schließen aller Fenster verordnet haben wollen. Oder sein Artikel „Was man sieht und was man nicht sieht“ mit dem Beispiel der eingeschlagenen Fensterscheibe als Illustration, bei der man zwar den positiven Effekt für den Glasermeister sieht, aber nicht den negativen Effekt für den Auftraggeber, der mit dem Geld lieber etwas anderes gemacht hätte, und denjenigen, der diesen anderen Auftrag erhalten hätte, etwa der Schuster.

Wer sich für sein Werk interessiert, wird auch auf der Website bastiat.org fündig, die auf Französisch, Englisch und Spanisch Informationen über den Autor und Texte Bastiats dokumentiert.

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