Müssen Christen Schlangen halten?


Wer wissen will, warum es wichtig ist, die Kirche auf Tradition, auf ein apostolisches Lehramt zu gründen, warum eben nicht jeder selbst aus der Heiligen Schrift ermitteln kann, was denn eigentlich gemeint ist, für den habe ich eine interessante Illustration: Schlangenhaltende Prediger in den amerikanischen Appalachen.

Sie sind Teil der Pfingstbewegung, einer um 1900 entstandenen Form des Christentums, deren Markenzeichen die Annahme einer Art immerwährendem Pfingsten in der Gemeinde ist, mit Glossolalie, prophetischem Reden, spontanen Gesängen. Sie pflegen eine protestantisch geprägte rein wortlautorientierte Bibelauslegung und lehnen die apostolische Tradition ab.

Auf Grund zweier von ihnen wörtlich und aus dem Zusammenhang gerissen interpretierter Bibelstellen des Neuen Testaments sind diese Prediger in den Appalachen der Meinung, dass das Berühren von Giftschlangen ein Glaubensbeweis wäre. Nun haben die Naturschutzbehörden in Tennessee einem Prediger 53 Giftschlangen abgenommen, die er bei Versammlungen auch verwendet hatte. Für den Besitz von Giftschlangen benötigt man nämlich eine Genehmigung, die er für den Einsatz vor Dutzenden Menschen, darunter zahlreichen Kindern, auch nie erhalten hätte.

Dass die Versammlungen des Predigers Andrew Hamblin im Fernsehen im Rahmen einer National Geographic-Serie zu sehen war, bei denen auch die umfangreiche Sammlung von Wildschlangen aus Tennessee in seinem Besitz präsentiert wurde, hat den Behörden aber im Grund auch keine Wahl gelassen.

Er selbst wurde bereits viermal gebissen und kann seither etwa seine rechte Hand mehr schließen. Wenn es eines Beweises bedurfte, dass er mit den Giftschlangen offenbar nicht umgehen kann (oder große Gefahren bewußt in Kauf nimmt), dann ist er damit wohl gegeben. Sein Kollege Mack Wolford verstarb übrigens 2012 am Biss einer Klapperschlange bei einer Versammlung im Freien; schon dessen Vater, ebenfalls ein schlangenhaltender Prediger, war an einem Schlangenbiss gestorben.

Bei den Versammlung dürfen alle Erwachsenen, die recht vom Geist erfüllt scheinen, die Schlange berühren. Das Risiko eines Bisses und des folgenden Todes ist ihnen bekannt; der Tod ein Zeichen des Gehorsams. Übersteht man den möglichen Biss aber relativ unbeschadet, so wird es als Zeichen göttlicher Gnade gewertet.

In den USA entbrennt deswegen eine Debatte über Religionsfreiheit. Soll der Staat eingreifen, wenn Erwachsene im gegenseitigen Einverständnis gefährliche Handlungen setzen? Tatsächlich dürfen Erwachsene ja auch gefährliche Sportarten ausüben, deren Unfall- und Todesraten nicht geringer sind als jene der schlangenhaltenden Prediger. Dabei ist die Freiheit zum Sport nicht einmal ein verfassungsrechtlich geschütztes Gut. Wieviel mehr muss also für die Religionsfreiheit gelten. Die Behörden lassen dieses Argument nicht gelten: Es gehe rein um die öffentliche Sicherheit.

Übrigens haben die Behörden auch den Apostel Paulus auf ihrer Seite. Schon in den frühen Gemeinden gab es offenbar Personen, die die zitierten Aussagen Jesu falsch verstanden haben, und so schreibt der Apostel im 1. Korintherbrief: „Wir wollen auch nicht den Herrn auf die Probe stellen, wie es einige von ihnen taten, die dann von Schlangen getötet wurden.“

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