Jan Vermeer und die Camera Obscura


Hat Jan Vermeer mit der Camera obscura gearbeitet oder nicht? War er auch ein Erfinder, oder war das alles künstlerische Gabe?

Vom niederländischen Maler Jan Vermeer (* 1632 † 1675) ist nur ein Oeuvre von 37 Werken erhalten, die z.B. in der Wikipedia mit Bild aufgelistet sind. Doch einige davon, wie das Mädchen mit dem Perlohrring, sind weltberühmt.

Bei einigen Szenen, die der Maler komponiert hat, fällt eine Licht- und Schattenwirkung, ein Farbverlauf auf, wie er auch auf modernen Photographien zu sehen ist, aber nicht dem entspricht, was man mit freiem Auge sehen würde. Beim Landschaftsbild „Ansicht von Delft“ zeigt detailgetreue Dachkonstruktionen entfernter Häuser, die man mit freiem Auge so nicht gesehen hätte. Seit den 1890er Jahren wird darüber diskutiert, ob Vermeer Hilfsmittel wie die Camera obscura benutzt hat.

Dieses Hilfsinstrument besteht aus einem Kasten, der an einer Seite ein kleines Loch aufweist, in dem seit dem Mittelalter oft eine Linse montiert wird. Auf die Rückseite des Kastens wird nun das gebüdelte Licht geworfen, so dass ein Abbild dessen entsteht, was man durch das Loch sehen könnte. Mit einem Spiegel konnte man dieses Abbild nun zum Beispiel auf eine Leinwand projizieren, wo es zwar nur schwach, aber doch sichtbar war und somit als Hilfe für Skizzen dienen konnte. So benutzte z.B. im 18. Jahrhundert Canaletto bei seinen Veduten die Camera obscura für exakte Zeichnungen, die als Vorlage für das spätere Bild dienen würden.

Aber wurde diese Technik auf im 17. Jahrhundert schon angewandt? Wie Vanity Fair etwas effekthascherisch berichtet, hat nun der Texaner Tim Jenison eine solche Camera obscura mit Spiegel in einer Weise nachgebaut, wie sie technisch zur Zeit Vermeers möglich gewesen wäre. Und zu Testzwecken hat er einen Raum mit großem Aufwand etwa so hergerichtet, wie er in Vermeers „Musikstunde“ dargestellt wird. Danach wollte er testen, ob er mit Hilfe der Camera ein Bild mit ähnlichen Qualitäten in Licht und Farbe — nicht von der künstlerischen Qualität her – zustandebringen würde. Die entsprechenden Bilder kann man bei Vanity Fair sehen. Man muss zugeben: Dafür, dass Jenison kein Maler ist, hat er mit Hilfe des Apparats ein passables Ergebnis geliefert. Keinen Beweis, aber einen starken Hinweis, dass Vermeer sich solcher Hilfsmittel bedient haben könnte.

Der Widerstand gegen die bloße Idee, dass Vermeer und andere Maler technische Hilfsmittel erfunden und benutzt haben, liegt wohl in einer Art von Übermenschen-Sicht, wie seit dem 19. Jahrhundert in der Kunstwelt Platz greift, und die technische Hilfe quasi als unfairen Trick ansieht. Eine Sicht der Dinge, die dem 17. Jahrhundert völlig fremd war: Damals waren Maler selbstverständlich Handwerker, bei denen man etwas bestellt hat und die dann mit ihrem Werkzeug und Können diese Bestellung zu erfüllen versuchten. Und nebenbei wissen wir etwa von Leonardo da Vinci, dass er z.B. ständig nach technischen Verbesserungen für die Malkunst geforscht hat, z.T. mit deaströsen Folgen für das Kunstwerk, wie die Episode rund um Leonardos Gemälde der Anghiarischlacht zeigt. Und sein Interesse an Neuerungen war, wie die technischen Fortschritte in der Malerei der Renaissance und des Barock zeigen, kein Einzelfall.

Wenn Vermeer also keine abnormen Augen gehabt hat, so spricht vieles dafür, dass er mit Spiegel und Camera bewaffnet gearbeitet hat, um noch glaubwürdigere Eindrücke erzeugen zu können.

Jan Vermeer: Der Soldat und das lächelnde Mädchen

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Ein Gedanke zu “Jan Vermeer und die Camera Obscura

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