Herodes, der Kindermörder?


Das Fest der unschuldigen Kinder, wie es bei uns genannt wird, wird gerne als Erfindung des Matthäus abgetan, ebenso wie die Flucht nach Ägypten.

In den „Jüdischen Altentümern“ des Flavius Josephus wird diese Tat nicht erwähnt; das ist für sich allein aber kein besonderer Beweis. Denn die Zahl der Opfer war wohl eher gering: Betlehem war eine kleine Stadt, die Anzahl der männlichen Kinder im fraglichen Alter daher überschaubar. Schätzungen des 19. und 20. Jahrhunderts gehen von 6 bis 20 Opfern aus. Das fällt unter den Taten, die Herodes in seinen letzten Regierungsjahren angerichtet hat, nicht weiter auf.

Der einst prächtige und erfolgreiche Herrscher wütete gegen wahre und vermeintliche Gegner, auch seine eigene Familie. Wegen seines bevorstehenden Todes soll er laut Josephus angesehene jüdische Bürger in einem Hippodrom gefangen haben, damit sie bei seinem Ableben getötet würden. So würde es wenigstens ein großes Weinen bei seinem Begräbnis geben, wenn auch nicht um ihn.

Macrobius überliefert in seinen Saturnalien das Augustus zugeschriebene Bonmot: „Es ist besser, Herodes’ Schwein zu sein als sein Sohn“; im Griechischen ein Wortspiel und eine Anspielung auf jüdische Reinheitsgebote. Ob es tatsächlich, wie Macrobius schreibt, auch auf die Ermordung von Knaben bis zum zweiten Lebensjahr „in Syrien“ zurückzuführen ist, oder bloß auf die innerfamiliären Streitigkeiten des Herodes, bei denen sogar Augustus selbst schlichtend — und letztendlich vergebens — eingriff, ist unbekannt, es wirft aber ein Schlaglicht auf den Ruf des Herodes. Macrobius ist noch dazu kein christlich geprägter Autor, der aus theologischen Motiven solches berichten würde.

Josephus Schweigen ist kein Argument, weil er auch andere Ereignisse, die wir aus anderen Quellen kennen, verschweigt. Was ja auch kein Wunder ist. In einem monumentalen Werk wie den Altertümern muss eine redaktionelle Auswahl getroffen werden, um nicht den Rahmen völlig zu sprengen. Doch der impulsive, paranoide Herodes, den Josephus schildert, war jedenfalls der Mörder seiner eigenen Kinder und der vieler anderer auch. Und so ist es nicht abwegig, dass auch die Geschichte vom bethlehemitischen Kindermord auf wahren Begebenheiten beruht.

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