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Wien: 95 Jahre Untergang


Die Gedenken an das Zentenarium des Beginns des Ersten Weltkriegs werfen ihre Schatten weit voraus. Die Neue Zürcher Zeitung wagt einen Blick auf ein Phänomen, das in Wien völlig verdrängt wird: Den „Weltuntergang Wiens“, den die Vernichtung der Donaumonarchie für die Stadt bedeutet hat.

Bis zum Krieg war Wien eine rasch wachsende Stadt.In mehreren Eingemeindungswellen war seine Fläche gewachsen, doch die Einwohnerzahl nahm noch viel schneller zu. Die Industrialisierung, die Gründerzeit begünstigten das Wachstum der Städte. Umfangreiche Bautätigkeiten, die viele Arbeiter erforderten, der attraktive Finanzplatz Wien mit seiner damals bedeutenden Börse, die renommierten Bildungseinrichtungen, das pulsierende Kulturleben: Die Haupt- und Residenzstadt war im 19. Jahrhundert aus vielen Gründen ein Bevölkerungsmagnet. Um 1850 wohnten auf dem Gebiet des heutigen Wien etwa eine halbe Million Menschen, etwa 20 Jahre später war es bereits eine Million, um 1890 näherte man sich bereits 1,5 Millionen und 1910 war die 2-Millionen-Marke erreicht. Die Stadtplanung ging damals davon aus, dass Wien bis zu vier Millionen Einwohner haben würde, und plante für damalige Verhältnisse großzügige Spitalsprojekte, weitläufige Grüngürtel und breite Verkehrsachsen.

Dann kam der Krieg, und mit ihm wurde aus der wachsenden Metropole einer Großmacht ein hypertrophes Gebilde in einem Kleinstaat. 1920 wohnte etwa jeder Dritte „Deutschösterreicher“ in Wien. Weite Teile des Hinterlands der Stadt war plötzlich Ausland. Die Wirtschaft war weitgehend zusammengebrochen, die Kultur zehrte noch eine Weile von altem Glanz. Viel verheerender waren die sozialen Folgen: Kinder (ver)hungerten, unzählige waren ins Elend gestürzt; für die Kriegsinvaliden wollte oder konnte keiner aufkommen; die große Inflation raffte das Angesparte der Mittelschicht hinweg, so dass die Verelendung noch weitere Kreise zog.

Aus der Weltstadt, als die sich Wien ja noch heute gerne gibt, wurde eine Provinzstadt. An der Architektur kann man das bis heute ablesen: Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg wurden in Wien nur wenige Bauten geschaffen, die Interesse erregen, für die man extra nach Wien reisen würde, um sie zu besuchen. Was die Besucher reizt, sind in Szene gesetzte Reste imperialen Glanzes. Wie anders ist da z. B. Paris! An Bausünden sind sich die beiden Städte wohl ebenbürtig, doch an großen Würfen hat Paris absolut und relativ mehr zu bieten. Es ist eben noch eine Weltstadt, im Gegensatz zu Wien, das sich von der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts in Wahrheit immer noch nicht ganz erholt hat.

via Patrick Minar

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