17. Jänner 1988: Stasi inhaftiert Genossen wegen Rosa-Luxemburg-Zitaten


Es war tiefe Ironie, als vor 25 Jahren — am 17. Jänner 1988 — der Liedermacher Stephan Krawczyk in Ostberlin im Vorfeld der traditionellen, in der DDR pompös begangenen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration verhaftet wurde. Er war nicht der einzige, der an diesem kommunistischen Festtag abgeführt wurde. Knapp 30 Oppositionelle wurden „vorsorglich“ verhaftet, Dutzende mehr während der Demonstration, weil sie Rosa-Luxemburg-Zitate wie „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ auf mitgebrachte Plakate geschrieben hatten oder Zitate der kommunistischen Ikone skandierten und damit die offiziellen Sprüche konterkarierten.

Die zum Teil mit großer Brutalität durchgeführten Verhaftungen der Stasi geschehen zum Teil vor laufenden Kameras, da Teams von ARD und ZDF für Kurzberichte über die Demonstration — immerhin hatte die SED an die 200.000 Menschen für den Marsch zusammengebracht — vor Ort waren. Dadurch werden die Übergriffe auch im Westen weithin bekannt, die in scharfem Kontrast zum Programm des Glasnost in der Sowjetunion standen.

Die DDR-Führung war sich des PR-Desasters offenbar nicht bewusst, verhängte Haftstrafen oder ließ abschieben. Dabei hatten die Oppositionellen doch das Thema des Marsches nur wörtlich genommen! Krawczyk und seine Frau Freya Klier wurden vor die Wahl gestellt, auszureisen oder wegen Landesverrats inhaftiert zu werden. Dabei hätte es der SED-Spitze zu denken geben müssen, dass viele DDR-Oppositionelle glühende Kommunisten oder Sozialisten waren, darunter Personen, die in anderer Konstellation in den Fünfziger Jahren noch die blutigsten Übergriffe gerechtfertigt hätten. Das erstarrte DDR-Regime hatte 1988 zwar immer noch großen Rückhalt unter all jenen, die vom Regime profitierten, doch gerade bei denen, die an die Ideologie des Regimes auch glaubten, wurde es zunehmend schwieriger, die kognitive Dissonanz zwischen Lehre und Praxis zu überwinden.

Die Demonstration gibt es übrigens immer noch, und die Mitgehenden haben dank des Untergangs des realen Sozialismus kein Problem mehr mit dieser Dissonanz. Munter werden Stalin- und Leninportraits und Symbole der untergegangenen DDR mitgeführt. Der DDR, die zwar Luxemburg und Liebknecht zelebrierte, aber für die das bloße Skandieren Luxemburg’scher Zitate bereits ein Grund für Haft und Abschiebung war.

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4 Gedanken zu “17. Jänner 1988: Stasi inhaftiert Genossen wegen Rosa-Luxemburg-Zitaten

    • Freya Klier hat 2009 Angela Merkel unterstützt und ist Mitgründerin eines Vereins zur Aufarbeitung der Folgen der SED-Diktatur. Also nein: Sie ist auf der Fortsetzung des in der DDR so innig gepflegten jährlichen Aufmarsches für Liebknecht und Luxemburg sicher nicht zu finden. Sie hat bei der Aktion selbst übrigens gar nicht mitgemacht, war aber auch so der DDR-Führung ein Dorn im Auge. Krawczyk war einst SED-Mitglied, doch hat ihn die DDR mit Berufsverbot etc. erfolgreich vom realen Sozialismus geheilt. 1994 flackerte allerdings der Linke in ihm kräftig auf und er unterstützte Stefan Heyms Kandidatur, was er nach eigenen Aussagen bald bereute. Beide haben übrigens informative Websites über ihr jetziges Schaffen.

  1. Nur mal so am Rande: mein Lieblingszitat von der Rosa
    “ Der Charakter einer Frau zeigt sich nicht, wo die Liebe beginnt, sondern wo sie endet.“

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