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Seht, das Lamm Gottes!


In jeder heiligen Messe wird dieser Satz Johannes des Täufers aus dem Johannesevangelium gesagt:

Ἴδε ὁ ἀμνὸς τοῦ Θεοῦ ὁ αἴρων τὴν ἁμαρτίαν τοῦ κόσμου.

Siehe! Das Lamm Gottes, das aufhebt die Schuld der Welt.

An diesem Sonntag kommt dieser geheimnisvolle Satz gleich zweimal vor, weil er auch im Sonntagsevangelium gelesen wird. Da leuchtet auch das Epiphaniegeschehen herein, die Erscheinung der göttliche Herrlichkeit: Johannes der Täufer bekennt das kommende wunderbare Wirken Jesu, bevor es noch sichtbar geworden ist. In ähnlicher Weise wirken bei Lukas die Engeln, Hirten an der Krippe, schließlich Simeon und Hannah im Tempel; Matthäus überliefert uns die Huldigung der Weisen aus dem Morgenland.

Vor dem Zeugnis des Johannes fragen ihn Gelehrte, die vom Sanhedrin ausgesandt wurden, wer er sei. Er lehnt eine Bezeichnung als Messias ab und eröffent ihnen: „Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt.“ Dieses prophetische Wort wird in der Perikope umgehend erfüllt: „Am folgenden Tag sieht Johannes den zu ihm näherkommenden Jesus und sagt: Siehe! Das Lamm Gottes, das aufhebt die Schuld der Welt.“ Oder, wie es philologisch geschultere Personen als ich in der Einheitsübersetzung formuliert haben: „Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“

So, wie Herodes und seine Berater die Bedeutung des Sterns am Himmel nicht erkennen, sondern nur die heranreisenden Mager — die sich entsprechend im Matthäusevangelium vor allem über den Stern freuen (Mt 2,10) –, so erkennt Johannes den auf ihn zukommenden Messias sofort. Die Schriftgelehrten des Sanhedrin, die Jesus auf der Reise begegnet sein könnten, haben ihn aber nicht erkannt, obwohl er mitten unter ihnen war.

Johannes spricht wenig später noch einmal vom Lamm Gottes, und die ersten Jünger werden sich Jesus daraufhin anschließen. Der Widerspruch zur Berufung der ersten Jünger (vgl. etwa Mk 1,16ff.) ist nur scheinbar: Hier wird hervorgestrichen, dass die ersten Jünger aus dem Umkreis des Johannes stammen. Sie bekennen nun Jesus als den Messias, ebenfalls noch vor den ersten Zeichen. Ob seine Wanderverkündigung aber bereits begonnen hat, bleibt unklar und ist für den Evangelisten, der wohl die Synoptiker bereits vorliegen hatte und seinen Text gewissermaßen ergänzend zu diesen konzipiert hat, auch nicht wesentlich.

Interessant ist der Querbezug zur Offenbarung des Johannes, in der ja das Lied des Lammes gesungen wird: „ἄξιόν ἐστιν τὸ ἀρνίον τὸ ἐσφαγμένον λαβεῖν / τὴν δύναμιν καὶ πλοῦτον καὶ σοφίαν / καὶ ἰσχὺν καὶ τιμὴν καὶ δόξαν καὶ εὐλογίαν“ — „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet wurde, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Herrlichkeit und Lob.“ Das in der Offenbarung ein anderes Wort für Lamm verwendet wird, hat freilich manche an der Verbindung zweifeln lassen. Nicht notwendigerweise: Denn ἀμνὸς wird oft nur für den ersten Fall gebraucht, in den anderen Fällen wird es regelmäßig durch Formen von ἀρνός oder ἀρήν ersetzt. ἀρνίον ist wiederum einfach eine Verkleinerungsform: Das junge Lamm. Sie verweist auf die Stelle in Jeremia 11,19: „Ich selbst war wie ein zutrauliches Lamm, das zum Schlachten geführt wird.“ Es untergräbt aber jedenfalls die heutzutage ohnehin wenig verbreitete Hypothese, die Offenbarung und das Evangelium hätten den selben Verfasser.

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