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Lebow: Erzherzog Franz Ferdinand lebt!


Im Zentenarium des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs drängt sich die Frage auf: Was wäre geschehen, wenn das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand nicht erfolgt oder nicht erfolgreich gewesen wäre? Da gibt es zwei Denkschulen: Die einen sehen große geschichtliche Strömungen, die gleichsam unaufhaltsam sind. Wenn der Große Krieg nicht 1914 ausgebrochen wäre, dann eben ein andermal. Die anderen sehen Geschichte mehr als chaotisches System, in dem kleine Ereignisse große Auswirkungen haben können, weil sich in einem vernetzten System überraschende Querverbindungen ergeben können.

Zweiterer Ansicht neigt Richard Ned Lebow zu, der in seinem Buch „Archduke Franz Ferdinand Lives!“ verschiedene Möglichkeiten skizziert, wie sich die Welt anders entwickelt hätte, wenn es nicht zur Ermordung Franz Ferdinands durch serbische Terroristen gekommen wäre. In einer besten aller Möglichkeiten wäre die Donaumonarchie nicht zerbrochen — zumindest nicht damals –, der Große Krieg wäre vermieden worden und mit ihm der blutige, katastrophale Zusammenbruch der damaligen Weltordnung. Vielleicht gar ein „Jahrhundert des Friedens“? Solche Phantasien sind nicht so weit hergeholt, wie man heute meinen möchte: So glaubte die Neue Freie Presse am 1. Jänner 1914: “Wir haben die Ueberzeugung, daß die Menschheit einer längeren, gesegneten Friedenszeit entgegengehe. Nur unberechenbare Zufälle, die über die Völker wie Heimsuchungen kommen, können in der jetzigen Stimmung den Ausbruch eines Krieges herbeiführen. Der Wille war nie mehr auf den Frieden gerichtet als jetzt, und der Abscheu vor den Greueln und Schlächtereien ist so groß und die Müdigkeit so niederzwingend, dass die noch auflodernden Streitigkeiten nach einigem Zischen und Flackern geschlichtet werden.“

Lebow ist ein Politikwissenschafter am US-amerikanischen Dartmouth College, der aber schon mehrere historische Fachartikel veröffentlicht hat. Sein Hauptargument für den Sinn fiktiver Geschichte ist die der Evaluierung der tatsächlich stattgefundenen Geschichte. Sein plakatives Beispiel: Wenn ein Historiker schreibt, Stalin habe die bolschewistische Revolution in Russland völlig zweckentfremdet und ihre Auswirkungen grundlegend verändert, so enthält das im Kern die Behauptung, ohne Stalin wäre die Geschichte der bolschewistischen Revolution anders verlaufen. Wer Churchill als entscheidenden Faktor für den britischen Durchhaltewillen im Zweiten Weltkrieg nennt, entwirft implizit eine fiktive Geschichte, in der Churchill eben nicht wirken kann. Damit solche Überlegungen aber nicht bloßes Fabulieren werden, hat Lebow in einem früheren Buch versucht, eine Systematik dafür zu entwickeln.

Mehr zum Buch kann man in einer kurzen Besprechung des Guardian erfahren oder in einer Rezension im Independent.

(Hinweis dank Tomislav Lvejar)

5 thoughts on “Lebow: Erzherzog Franz Ferdinand lebt!

  1. Hallo! Und noch ein interessantes 2014!
    „Was wäre geschehen, wenn das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand nicht erfolgt oder nicht erfolgreich gewesen wäre?“ Dann hätten die Franzosen entweder in Nordafrika oder Fernost, oder die Engländer in der Türkei was vom Zaun gebrochen.
    Nette Grüße

    • Danke für den Kommentar. Zu Frankreich/England: Gut möglich. Wobei diese Konflikte möglicherweise mit anderen Allianzen geführt worden wären – oder gar nicht zum „Weltkrieg“ geworden wären. (Z.B. hätten Russen und Briten nicht unbedingt übereinstimmende Interessen bezüglich Osmanischem Reich gehabt.)

  2. Dann hätten die Franzosen entweder in Nordafrika oder Fernost, oder die Engländer …

    Was wäre wenn ist eine interessante Formulierung. Was wäre, wenn Gott die europäische Urkatastrophe verhinert hätte, verhindern wollte oder eben nicht …

    BTW, DAS Pulverfass damals war immer noch der Balkan und die Machthaber in Österreich waren ganz scharf auf den Krieg gegen Serbien, den Kaiser Franz Josef schon seit mehr als zehn Jahren beabischtigt hat.

    Mit aller Wahrscheinlichkeit hätten eben NICHT die Franzosen oder Engländer … hätte, wäre, würde.
    Ja, was wäre, wenn es Gott nicht geben würde?

    • Natürlich kann man nur Vermutungen anstellen — aber jedesmal, wenn man über Folgen des Ersten Weltkriegs diskutiert, redet man implizit auch darüber, wie die Geschichte aussehen könnte, wenn man diesen Krieg wegdenkt.

      Seit dem antiösterreichischen Putsch in Serbien 1903 war das Verhältnis gespannt, doch Conrad drängte die politische Führung vergebens auf den schnellen Schlag. So ausgemacht war der Angriff eben nicht. Erst die Ermordung des Thronfolgers — ein unerhörtes Verbrechen! — ermöglichte die entsprechende politische Dynamik.

      Und ja, vielleicht hätte ein anderer Vorwand wenig später einen anderen Weltkrieg ausgelöst. Wer weiß? Doch dieses Ergebnis ist nicht zwingend.

  3. Der Balkan war für Deutschland das ungünstigste, weil es eine Proxy-Beziehung fürs Reichs war und deshalb auch für die Entente die geeignetste „Falle“. Nachdem Serbien allerdings vom Zaren schon im Stich gelassen war, war der Balkan vorübergehend Schach. Da es sich um Spekulation handelt, ist Ihre genauso gut wie jede andere. Hauptkriegstreiber war England, mit den Franzosen sabbernd im Hintergrund.
    „…was wäre, wenn es Gott nicht geben würde…“
    Es erstaunt mich, dass sich bei Ihnen dieser Gedanke auch nur einschleichen konnte – als würden Sie fragen: „Was wäre, wenn es die Welt nicht gäbe?“ Philosophisch redundant.
    Nette Grüße

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