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Euthanasie und der selbstbestimmte Mensch


In Deutschland wogt die Debatte um die Tötung schwerkranker Menschen (Sterbehilfe) momentan hin und her. In Belgien und den Niederlanden hat sie bekanntlich zur Entscheidung geführt, die Begriffe „schwerkrank“ und „Wille des Betroffenen“ extrem weit zu interpretieren, wohl auch zur finanziellen Entlastung der Gesundheitssysteme. „An der Hand statt durch die Hand sterben“ erfordert liebevolle Zuwendung, Zeit, also personelle Ressourcen, und entsprechende Einrichtungen. Da ist der belgische Weg billiger, erspart vor allem wegen der Ausweitung auf psychische Leiden dem Staat Geld bei der Behandlung psychischer Erkrankungen.

Klingt zynisch? Dann muss man sich nur folgendes vor Augen halten: Menschen sollen angeblich in der gleichen Situation rational abwägend entscheiden können, ob ihre Existenz ausgelöscht werden soll, obwohl beispielsweise ein in dieser Situation aufgesetztes Testament vor Gericht problemlos angefochten würde. Die Verfügung über ihre materiellen Güter wird rechtlich strikter gehandhabt als die über ihr eigenes Leben.

Noch schlimmer ist es, wenn Angehörige plötzlich diese Entscheidung treffen sollen. Im alten Rom stand so etwas dem Pater familias zu; es gab gute Gründe, ihm dieses Recht über Leben und Tod zu nehmen. Nicht nur, dass die Angehörigen höchstens eine Ahnung haben können, was der Betroffene selbst in dieser Situation tatsächlich wollen würde, stehen Sie unter einer enormen emotionalen Belastung. Und haben natürlich manchmal auch eigene Interessen, die in die Entscheidung einfließen. Auch Erben will gelernt sein.

Erfahrungsgemäß versucht man die eigene Schuld am Tod des Verwandten kleinzureden: Es wäre so ohnehin besser gewesen. Er hätte es so gewollt. Wenigstens hatte sein Leid ein Ende. Er wäre sowieso bald gestorben. Aber das alles ändert nichts am Faktum, dass man eben nun selbst der unmittelbare Anlass für den Tod des Verwandten war.

Die Verhaltensforschung, die Neurobiologie und andere Forschungszweige haben den aufklärerischen Mythos des völlig selbstbestimmten Menschen zertrümmert, der als Antithese etwa zur Anthropologie des Christentums entstanden war. Die Erkenntis, dass es diesen Menschen nicht gibt, reflektiert etwa das Strafrecht schon lange mit Bestimmungen, die versuchen, die vielfachen Einflüsse in unserem Leben abzubilden, z.B. durch den Bestimmungstäter, oder mit verschiedenen Milderungsgründen.

Ausgerechnet, wenn es um Entscheidungen um Leben und Tod geht, wird jedoch die Fiktion einer freien, unbeeinflussten, rationalen Entscheidung bemüht, die ausgerechnet in dieser Situation möglich sein soll. Cui bono?

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