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Kannte Jesus die ersten Apostel schon vor ihrer Berufung?


An die Perikope aus dem Johannesevangelium, die letzten Sonntag gelesen worden ist, schließt sich dort eine Stelle an, in der Jesu’ erste Jünger als ursprüngliche Anhänger des Johannes vorgestellt werden: Andreas, der Bruder des Simon Petrus, und ein zweiter, nicht genannter. Bald darauf werden Simon Petrus selbst, Philippus und Natanaël (wohl der Vorname des Bartholomäus)vorgestellt, um bald darauf mit Jesus an der Hochzeit in Kana teilzunehmen.

Diesen Sonntag wird nun die Berufung der Jünger nach Matthäus gelesen: Die Brüderpaare Simon und Andreas bzw. Jakobus und Johannes, die er jeweils vom Fischen wegruft. Die Berufung des Philippus und Bartholomäus werden bei Matthäus nicht gesondert erwähnt.

Nun muss man sich vor dem früheren Usus hüten, die Evangelien nach Johannes und die Synoptiker durchgehend zu harmonisieren. Ihre Zielsetzung und ihre Quellen sind doch unterschiedlich. Schon antiken Kommentatoren war die tiefe Zeichenhaftigkeit des Johannestextes bewusst, die der Autor bereits durch seinen Prolog dem Leser kommuniziert.

Doch gilt es andererseits als plausibel, dass das Johannes-Evangelium als Ergänzung zu den Synoptikern — oder zumindest zu deren Traditionen — geschrieben wurde. Manche Schwerpunktsetzungen sind dann als bewußte Interpretation und Kontextualisierung zu sehen.

So ergänzen sich auch die Berichte über die Taufe und die ersten Jünger oder Schüler, wenn man das griechische Wort μαθητής genau übersetzt. Johannes berichtet davon, wie sich die ersten Schüler um den Lehrer Jesus schon zu der Zeit geschart hatten, als sie alle noch Anhänger des Täufers waren. Johannes führt sich selbst dabei als ersten Jünger Jesu ein: Wer sonst sollte der ungenannte Begleiter des Andreas sein, wenn es Simon Petrus dezidiert nicht ist?

Jesus bricht dann nach Galiläa auf, wohl um an der Hochzeit zu Kana teilzunehmen, und wird von seinen ersten Schülern begleitet. Der Evangelist Johannes setzt dann nämlich mit der Tempelreinigung fort, die als zeitlicher Bruch eingeführt wird, und berichtet dann von weiterer Lehrtätigkeit vor der Verhaftung des Täufers, die als Faktum genannt, aber im Text nicht weiter ausgeführt wird.

Matthäus berichtet nun davon, wie sich Jesus nach der Verhaftung des Johannes nach Galiläa zurückzieht und beginnt hier nach der Versuchung Jesu seinen Bericht vom öffentlichen Wirken Jesu. Dazu gehört nun die Berufung der ersten Jünger — die Jesus, folgt man Johannes, freilich schon kannte. Man ist versucht, an Blues Brothers zu denken: Nach der Verhaftung des Täufers wird die Band wieder zusammengeholt …

Nun gibt es auch andere Erklärungen für diese andere zeitliche Ordnung, von der jeweiligen Absicht des Autors bis zu unterschiedlichen Quellen und Erinnerungen. Jeder Richter kann einem erzählen, wie Menschen sich an das gleiche Ereignis in bester Absicht unterschiedlich erinnern. Doch scheint mir eine Zusammenschau der Ereignisse hier besonders sinnvoll, in der die spontane Nachfolge von Simon, Andreas, Jakobus und Johannes an Plausibilität gewinnt, und trotzdem wunderbar bleibt.

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