Der intuitive Hund wedelt mit dem vernünftigen Schwanz


Ist die Vernunft unser Instrument, um herauszufinden, welchen Weg wir einschlagen sollen? Was richtig, was falsch ist? Oder hilft uns die Vernunft vor allem, ex post alle möglichen Erklärungen zu finden, warum unsere Entscheidung, unsere Ansicht richtig ist? Und wenn es so ist: Warum gibt es dann trotzdem Erkenntnisgewinne? Diesem schwierigen Thema widmet sich der New Yorker Psychologieprofessor Jonathan Haidt in einem sehr interessanten Artikel bei „This View of Life“ mit einem selbstreflexiven Ende. Ausgangspunkt ist die Wette des Philosophen Sam Harris, dass er 10.000 Dollar demjenigen zahlen würde, der in einem kurzen Essay ihn durch bestechende logische Argumentation von seiner eigenen moralphilosophischen Position abbringen könnte.

Jonathan Haidt bezweifelt, dass jemand diesen Essay schreiben könnte – ganz unabhängig von der inhaltlichen Richtigkeit von Harris’ Position oder einer möglichen Gegenposition. Die Vernunft ist nicht die Königin menschlicher Erkenntnis, zu der sie gerne gemacht wird, sondern steht in einem komplizierten Wechselspiel von Intuition, Gefühlen, etc. Haidts Graphik zur Verwendung von Worten, die die Richtigkeit des eigenen Standpunkts unterstreichen, in verschiedenen Büchern von Philosophen, Polit-Kommentatoren etc. ist sehenswert und unterstreicht, wie gerade Autoren, die sich für sehr vernunftbetont halten, leidenschaftlich argumentieren.

Man könnte zu Haidt ergänzen, dass Harris ein Wette ausgesetzt hat, bei der er selbst Schiedsrichter und Auszahlender in einer Person ist. Wenn man die Anreizstruktur bedenkt -– es steht ja nicht nur Geld, sondern auch Status auf dem Spiel ––, ist auch spieltheoretisch ein Wettverlust Harris’ ziemlich ausgeschlossen.

Passend schreibt Theo Hobson im Guardian über Jacques Rousseaus Deismus. Harris’ großes Vertrauen in die analytische Kraft der Vernunft und die Möglichkeit, rein durch Vernunft eine allgemeine Moral zu begründen, wäre ohne Rousseau vielleicht nicht denkbar. Die Artikelüberschrift lautet daher auch: Atheismus ist ein Seitenast des Deismus. Gemeint ist der heute verbreitete humanistische Atheismus, der in Rousseaus Gedankenwelt wurzelt. Ob der Sprung von Deismus zum Atheismus diese Weltanschauung kohärenter und inkohärenter gemacht hat, wird übrigens höchst unterschiedlich beurteilt.

(Beide Hinweise über Ross Douthat)

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