Das Sotschi-Narrativ


Nun haben also die Olympischen Spiele in Sotschi offiziell begonnen — und es fällt auf, dass da in „westlichen“ Medien die Berichterstattung im Rahmen einer negativen Erzählung abläuft. Auf Twitter werfen sich Journalisten etwa gegenseitig angebliche und tatsächliche #SochiProblems zu — das geht soweit, dass ein Bild aus Wien, das ein Journalist ironisch mit SochiProblems getaggt wurde, sich bald als weiterer Beweis der angeblichen russischen Unfähigkeit auf zig Websites fand und auch von CNN veröffentlicht werden sollte. So berichet zumindest der Betroffene selbst, Simon Rosner, in der Wiener Zeitung. So wird es auch mit einigen anderen Photos sein, die vermeintlich aus Sotschi stammen.

Ein weiteres Beispiel: US-Journalisten von NBC News wollen etwa angeblich gezeigt haben, dass Computer in Sotschi sofort gehackt wurden. Ein Unsinn, wie die ebenfalls US-amerikanische Errata Security aufzeigt. Tatsächlich haben diese Journalisten dubiose Websites angesteuert und dort herunterzuladende Programme installiert. Wer aber unbekannte Programme aus dem Internet herunterlädt und installiert und bei Bestätigungen immer nur Ja klickt — der wurde nicht gehackt, der hat sich höchstens selbst gehackt.

Was ich schon gar nicht mehr hören kann: Die immer wieder rituell eingeflochtenen Hinweise auf die „prekäre Menschenrechtslage“. Wenn dahinter ernsthaftes Bemühen stünde, wäre es schön. Erinnerungen an die Olympischen Sommerspiele in Peking werden da aber nicht wach, denn in China, wo die Menschenrechtslage wesentlich prekärer als im vergleichsweise offenen Russland ist, war das den Medien kaum der Rede wert. Und beim Formel-1-Zirkus oder der Vergabe der Fußball-WM nach Katar wird über viel diskutiert, aber nicht über die Menschenrechtssituation in den Veranstaltungsländern.

Für Sotschi werden entsprechend wie als Rechtfertigung für die Berichterstattung immer die gleichen Floskeln eingestreut, als konkrete Bedrohung immer nur das Verbot der Bewerbung homosexueller Praktiken genannt wird. Vor diesem Gesetz muss Russland ja dann ein Menschenrechtsparadies gewesen sein … . Nein, war es nicht. Aber das interessiert ihn Wahrheit eben auch niemanden. Es geht um ein Narrativ, einen bestimmten Blickwinkel, durch den der Medienkonsument die Olympischen Spiele in Sotschi sehen soll. Und dieses Narrativ baut darauf auf, dass die Russen wieder einmal die bad guys sind.

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