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Kein Iota vom Gesetz vergeht


Die Perikope aus dem Evangelium nach Matthäus für den sechsten Sonntag im Jahreskreis hat schon für viele Diskussionen gesorgt:

„Denkt nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten abzuschaffen. Ich komme nicht abzuschaffen, vielmehr zu vollenden. Wahrlich, ich sage euch: Eher werden Himmel und Erde untergehen, als dass auch nur ein Jota oder Strichlein vom Gesetz vergeht, bevor nicht alles geschehen ist. Jedoch, wenn einer eines dieser kleineren Gebote nicht beachtet und so die Menschen lehrt, der wird als der Geringste im Himmelreich gelten. Nur wer sie hält und halten lehrt, der wird als Großer im Himmelreich gelten.“ (Mt 5,17-19)

Diese Stelle stammt aus der Bergpredigt. Ihr gehen die acht Seligpreisungen und der Aufruf an die Jünger, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein, voraus. Das Gesetz und die Propheten, das ist die heilige Schrift. Eine Formulierung, die sich u.a. bei Lukas (Lk 16,16), Johannes (Joh 1,45) oder im Römerbrief (Röm 3,21) finden lässt. Matthäus verwendet sie auch bei der Frage nach dem höchsten Gebot: „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.“ (Mt 22,40)

Im Lichte dieser Stelle ergibt aber auch die Bergpredigt hier tiefen Sinn. Das ganze Gesetz und die Propheten ist eine Ausfaltung des doppelten Liebesgebots: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. […] Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Und ein Hinweis auf den, der zu seiner Erfüllung kommen wird. Zur Aufhebung der Gebote muss man auch Jesu’ Umgang mit ihnen beachten. Ein Jurist könnte sagen, Jesus lehnt eine reine Wortinterpretation der Gesetze ab, sondern legt Wert auf eine teleologische, auf das Ziel der Gebote gerichtete Interpretation und eine systematische Betrachtung im Ganzen. Vor diesem Hintergrund lehnt Jesus also ab, wenn jemand eines der Gebote aufhebt und sich damit über das Gesetz und die Propheten erhebt. Interessanterweise ist das für sich aber noch kein Grund, nicht ins Himmelreich einzugehen.

Der frühchristliche Kirchenlehrer Hilarius von Poitiers († 367) schreibt in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium:

„Glaubet doch nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzuheben; ich bin nicht gekommen, sie aufzuheben, sondern sie zu erfüllen.“ Die Kraft und der Sinn der himmlischen Worte fassen wichtige Dinge in sich. Es ist nämlich ein Gesetz von Werken gegeben worden, und dieses hat alles zur Beglaubigung dessen, was in Christo sollte geoffenbart werden, in sich gefasst; denn sowohl seine Lehre, als auch sein Leiden ist der große und tiefe Ratschluss des väterlichen Willens. Das Gesetz aber hat unter der Hülle geistiger Worte die Geburt unsers Herrn Jesu Christi, seine Menschwerdung, sein Leiden und seine Auferstehung ausgesprochen: und dass dieses schon vor ewigen Zeiten für unser Zeitalter so beschlossen worden sei, davon geben sowohl die Propheten, als auch die Apostel vielfach Zeugnis. […] Und so ist sowohl seine Körperlichkeit, als auch sein Leiden der Wille Gottes und das Heil der Welt; und es übersteigt den Ausdruck menschlicher Sprache, das Gott aus Gott, der Sohn aus der Wesenheit des Vaters, und innerhalb der Wesenheit des Vaters bestehend, sich zuerst zu einem Menschen verkörpert, dann wie der Mensch dem Tode unterworfen habe, zuletzt nach drei Tagen aus dem Tode in das Leben zurückgekehrt sei, und die mit seinem ewigen Geiste und Wesen verbundene Materie des angenommenen Leibes in den Himmel zurückgetragen habe.

Damit wir also nicht glauben möchten, in seinen Werken sei etwas anders, als was in dem Gesetze enthalten wäre, hat er erklärt, dass er das Gesetz nicht auflöse, sondern erfülle; dass zwar Himmel und Erde, die größten Elemente, welche wir kennen, aufgelöst werden würden, von den Geboten des Gesetzes aber auch nicht das Geringste unerfüllt bleiben könnte; denn in ihm wird das ganze Gesetz und die ganze Weissagung erfüllt. Bei dem Leiden, und da er schon den Geist hinzugeben im Begriffe war, erklärte er, dieses großen Geheimnisses in sich gewiss, nachdem er den Essig getrunken hatte, dass alles vollbracht sei; denn damals erhielten alle Aussprüche der Propheten die vollständige Bestätigung durch die Taten Jesu. Also auch nicht die geringsten der Gebote Gottes, bestimmte er, könnten aufgelöst werden, ohne dadurch Gott zu beleidigen; indem er ankündigte, dass diejenigen die Geringsten, das heißt, die Letzten und beinahe Keine sein werden, welche auch nur die geringsten auflösen. Es kann aber keine geringeren geben, als die, welche die geringsten sind. Das geringste von allen aber ist das Leiden des Herrn, und der Tod am Kreuze; wenn diesen jemand, als müsste man sich desselben schämen, nicht bekennen wird, so wird er der Geringste sein; dem hingegen, welcher ihn bekennt, verheißt er die Herrlichkeit eines großen Namens im Himmel.

Eine interessante Wendung: Hilarius liest die Textstelle von Tod und Auferstehung her. Das ist der „geringste“ gemeinsame Nenner, den es zu bekennen gilt.

2 thoughts on “Kein Iota vom Gesetz vergeht

  1. Danke für die anregenden Gedanken!
    Beim Verweis auf das Lukas-Evangelium ist ein Einser verloren gegangen. Es müsste wohl (damit das Iota auch an seinem Platz bleibt) Lk 16,16 heißen.

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