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Schweden 1650. Erstheiratsalter der Frauen: 26,7 Jahre. Warum? Darum.


Durch den Schwarzen Tod, die Große Pest, die im 14. Jahrhundert Europa verwüstete und einen bedeutenden Teil der Bevölkerung das Leben kostete, erfuhr Europa tiefgreifende Veränderungen.

Kultivierbares Land ist plötzlich im Überfluß vorhanden — mehr, als die Verbliebenen intensiv bewirtschaften können. Daher nimmt die extensive Weidewirtschaft zu, was wiederum auch den Speiseplan der Europäer verändert. Weniger Kohlenhydrate, mehr Eiweiß.

In der Folge kommt es zu einem überraschenden Effekt: Das Heiratsalter verschiebt sich nach oben und verringert damit auch die Kinderzahl. In Deutschland liegt im 17. Jahrhundert das Erstheiratsalter für Frauen bei über 26 Jahren, in Schweden detto. Gerade in einer Situation, die zu einer höheren Fruchtbarkeit führen sollte, tritt das Gegenteil ein. Warum? Und warum tritt dieser Effekt in West-, Mittel- und Nordeuropa auf, aber nicht in Osteuropa und den östlichen Teilen Mitteleuropas?

Nach dem Soziologen Hajnal ist die sogenannte Hajnal-Linie benannt, die etwa von Triest Richtung Nordosten nach St. Petersburg verläuft und die beiden Regionen trennt, die entweder dem „Europäischen Heiratsmuster“ eines hohen Heiratsalters und eines relativ hohen Anteils Unverheirateter folgen oder eben östlich davon nicht. Niederösterreich und die Steiermark folgen beispielsweise noch dem europäischen Heiratsmuster, Ungarn schon nicht mehr.

Nico Voigtländer und Hans Voth haben nun eine mögliche Erklärung untersucht. Sie gehen davon aus, dass das Europäische Heiratsmuster dort stark ausgeprägt ist, wo die Große Pest des 14. Jahrhunderts besonders gewütet hat.

Denn dort verändert sich durch die Pest, wie geschildert, das Verhältnis von Arbeitskraft und Land: Die Arbeitskraft ist relativ knapper und damit wertvoller geworden, das Land dagegen relativ reichlicher und wertloser. Damit stiegen die Opportunitätskosten bei einer Hochzeit. Frauen waren in der Landwirtschaft nicht so sehr im Ackerbau, sondern in der Weidewirtschaft oder im Gartenbau tätig. Als Mägde waren sie meistens unverheiratet; es war in vielen Ländern gesellschaftlicher Konsens, dass mit einer Hochzeit das Dienstverhältnis der Magd beendet wäre.

Frauen, die mit Kindererziehung und der Arbeit im Haus und zu Hause beschäftigt waren, hätten nicht mehr die zeitliche Verfügbarkeit gehabt, um als Mägde etc. zu arbeiten. Die übliche Aufnahme zu Kost und Logis für eine ganze Familie wäre außerdem natürlich weitaus teurer gewesen als für eine unverheiratete Magd.

In späteren Jahrhunderten sinkt das Erstheiratsalter wieder: Frauen hätten durch das sich ausweitende Verlagssystem auch Möglichkeiten vorgefunden, als Verheiratete bezahlte Arbeit zu finden. Je nach Erholung der Bevölkerungszahl kehrt sich auch das Faktorverhältnis wieder um: Das Land bleibt gleich, doch die Arbeitskraft nimmt zu. Steigende Getreidepreise führten zu einer Verdrängung der Weidewirtschaft durch Ackerbau, in dem weibliche Arbeitskraft statistisch gesehen einen komparativen Wettbewerbsnachteil hat.

Es gibt übrigens nach Voth und Voigtländer neben zwei besondere Faktoren, die eine Ausbildung des „Europäischen Heiratsmusters“ in bestimmten Gegenden verhindert haben sollen: Entweder eine hohe Produktivität des Ackerbaus, oder eine weit ausgreifende Wander-Weidewirtschaft. Letztere ist in Europa eher mit männlichen Hirten verbunden. In der stationären Weidewirtschaft waren dagegen bereits im 14./15. Jahrhundert oft Frauen tätig.

Effekt des Europäischen Heiratsmusters ist jedenfalls für Jahrhunderte ein gestiegender Wohlstand, der schließlich durch bessere Ernährung etc. zum Motor für weitere Verbesserungen wird. Als die Bevölkerungszahlen wieder hoch sind, sorgen in der Zwischenzeit erfolgte technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Innovationen dafür, dass der Wohlstand in Europa auch pro Kopf 1750 deutlich über dem vor der Großen Pest liegt. Freilich gibt es für die Innovationen selbst einige interessante Erklärungen, die den Rahmen dieses Beitrags spengen würden.

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