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Die Zählung der Psalmen


Das Buch der Psalmen ist ein ergiebiges Feld für die Bibelforschung. Nicht zuletzt deshalb, weil es sich um Poesie handelt, durch die Art, wie damals solche Texte aber aufgeschrieben wurden — imprinzipineinerwurst — auf die korrekte Psalmen- und Verseinteilung z.T. nur indirekt geschlossen werden kann.

Aus mir unerfindlichen Gründen hat sich auch im westlichen Christentum die sogenannte masoretische Einteilung der heutigen hebräischen Bibel im wesentlichen durchgesetzt, obwohl sie selbst erst ein Produkt des frühen Mittelalters ist. Man muss freilich konzedieren, dass die Einteilung der altgriechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, die zweifellos auch die Bibel der Apostel war, ebenfalls einige problematische Entscheidungen aufweist.

Das ganze wird noch dadurch kompliziert, dass das jetzige Psalmenbuch als bewußte Zusammenstellung vorhandener und vielleicht auch extra dafür neu geschaffener Gedichte entstanden ist. Wenn ein Gedicht in der Sammlung auf mehrere Abschnitte verteilt wurde, so wissen wir nicht, ob dahinter eine Entscheidung des Herausgebers gestanden ist, oder ob sich erst in späteren Abschriften eine solche Trennung ergeben hat. Das gleiche gilt für Zusammenlegungen von Psalmen.

Die Unterschiede zwischen Septuaginta und masoretischer Zählung sind leicht erklärt. Der masoretische Text trennt Psalm 9 in zwei auf (9 und 10); Psalm 113 wird ebenfalls als zwei gezählt (114 und 115), Psalm 114 und 115 werden wiederum zu einem Psalm 116 zusammengefasst, 146 und 147 zu einem Psalm 147. Daher weicht die Zählung heutiger katholischer Bibel, die die masoretische Numerierung verwenden, von der älterer Ausgaben ab. Die Ostkirche hält übrigens an der Zählung nach der Septuaginta fest und bewahrt so die Kontinuität mit dem frühen Christentum. Freilich: Für den Glauben ist die Kapiteleinteilung unerheblich. Würde man die Psalmen in dreihundert Gedichte einteilen — dann sei es eben so.

Beide Zählungen trennen einen Psalm in 41 (42) und 42 (43) auf, der zweifellos zusammengehört. Diese Trennung hat auch liturgiegeschichtliche Bedeutung, wurde doch Psalm 42 (43) jahrhundertelang im Stufengebet zu Beginn der Heiligen Messe gebetet. Es ist durchaus denkbar, dass die Trennung der Psalmen schon bei Zusammenstellung des Buches erfolgte — ob aus liturgischen Gründen oder kompositorischen wissen wir freilich nicht.

Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit. Diese erschließt sich aus der Gliederung des Psalmenbuchs in fünf einzelne Bücher, die wohl als Spiegelung des Pentateuchs gedacht ist. Die Bücher weisen folgende Einteilung auf:

Buch Masora Septuaginta These
I 41 40 40
II 31 31 30
III 17 17 17
IV 17 17 17
V 39 39 40
Coda 5 6 6

Die Zahl von 150 für die Gesamtheit der Psalmen stand offenbar fest. Wenn nun aus Versehen, aus praktischen Gründen oder weil man es einfach für richtig hielt Psalmen geteilt wurden, so mussten andere Psalmen vereint werden und vice versa, um die Gesamtzahl zu erreichen. Das hat zu unterschiedlichen Entscheidungen geführt.

Zuerst mussten beide die Trennung von Psalm 41/42 (42/43) wettmachen, die das II. Buch von 30 auf 31 Psalmen anschwellen ließ. Die Herausgeber der Septuaginta entschlossen sich also zur Einheit von Psalm 113 (114/115), die einen gewissen Sinn ergibt. Warum aber haben sie Psalm 114/115 (116) geteilt? Haben Sie einen anderen Psalm zusammengefügt, der eigentlich aus zwei Gedichten besteht?

Ein Kandidat dafür ist Psalm 143 (144), dessen Verse 12-15 inhaltlich nicht ganz zum Rest passen. Es gibt allerdings auch gewichtige Argumente dafür, dass seine jetzige Komposition absichtlich erfolgt ist.

Eine andere Möglichkeit wäre, dass die Teilung von 114/115 bereits von den Herausgebern des Psalmenbuchs intendiert war, also sowohl Psalm 113 (114/115) als auch Psalm 114/115 (116) zu teilen sind. Verschiedene Bearbeiter hätten dann später nur unterschiedlich ausgewählt, welche Psalmen sie kombinieren, um trotz anderer Eingriffe bei 150 zu bleiben. Wenn die Psalmen 112-117 (113-118) als Einheit gesehen wurden, wie es noch heute beim Gebet als Hallel der Fall ist, konnte dies umso leichter geschehen. Dafür spricht auch die Struktur:

Der Halleluja-Psalm 112 (113) hebt zu einem Lob des Herrn an, der alles vermag. Psalm 113A (114) besingt den Auszug aus Ägypten, ebenfalls mit Halleluja. Psalm 113B (115) erbittet Segen vom Herrn. In Psalm 114 (116A) dankt der Beter nun persönlich für seine Rettung. In Psalm 115 (116B) besingt der Beter nun die Erfüllung seines Gelübdes im Tempel, um mit Psalm 116 (117) den Herrn wiederum zu loben. Der Zyklus aus sieben Psalmen wird durch ein Danklied der ganzen Festgemeinde beendet, das auch wieder Elemente des Segenspsalm 113B aufnimmt. Die Mitte wird also vom persönlichen Dankgebet 114 (116A) eingenommen, um das sich symmetrisch die übrigen Psalmen gruppieren. Eine gewisse rhetorische Ähnlichkeit von 114 und 115 bedingt nicht notwendigerweise die Einheit, wie sich etwa beim Psalmenpaar 129/130 (130/131) zeigt.

Die sich daraus ergebende Struktur der Bücher ergibt auch zahlenmäßig einen Sinn. Ich bin bei übertriebener Zahlenklauberei skeptisch, ob sie von den Autoren so beabsichtigt war. Doch die Zahlen 30 und 40 kommen in der Bibel häufig vor. Sechs abschließende Jubelpsalme für die sechs Schöpfungstage ist durchaus argumentierbar. Der letzte Psalm vor der Coda wäre dann Psalm 144 (145), eine nicht allzu subtile Symbolik, noch dazu ein davidisches Akrostichon, das mit einem Lobpreis des Herrn beschließt.

Schließlich wäre der Mittelpsalm 77 (78) nun tatsächlich in der Mitte anzutreffen, nämlich als Nummer 76. What’s not to like?

2 thoughts on “Die Zählung der Psalmen

  1. Könnte man nicht einfach alle Verse nehmen und dann gleichmäßig auf 150 „Neue Psalmen“ verteilen?
    Dann wäre jeder Psalm gleich lang.
    Das hat doch auch Vorteile. Dann dauert z.B. jedes Psalmengebet gleich lang. Da läßt sich viel einfacher die Zeit planen.

    Dieser neue Theorie, bzw. diesem neue Vorschlag solle unbedingt Beachtung geschenkt werden. Vielleicht reicht die Zeit ja noch, daß wir schon bei der neuen Einheitzübersetzung diese neuartige, effektive und dem modernen Menschen, der gerne jede Minute verplant, entgegenkommende Einteilung benutzen können.

    • 😉 Nicht zu laut sagen, sonst meint das noch jemand ernst, damit alle ökumenisch gleich zählen … — Was ich mit meiner Bemerkung sagen wollte, dass man die Psalmen auch in 300 einteilen könnte, war einfach: Man sollte daraus keine Kardinalfrage machen, ob man jetzt die Septuaginta-, masoretische oder irgendeine rekonstruierte dritte Zählung verwendet.

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