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Die Frau am Jakobsbrunnen


Duccio di Buoninsegna: Jesus Christus und die Samariterin

Duccio di Buoninsegna: Jesus Christus und die Samariterin

Die Begegnung Jesu mit der Samaritanerin am Jakobsbrunnen ist eine überaus spannende Perikope. Gut, dass wir in der Fastenzeit Gelegenheit bekommen, sie ein wenig näher zu betrachten.

Jesus quert bei seiner Reise Samarien, eine Gegend, die in großer Spannung mit Judäa steht. Die Samaritaner als Nachfahren des Nordreichs sahen sich als Hüter der wahren Tradition; die Judäer im Süden wiederum betrachteten die Samaritaner als durch fremde Einflüsse abtrünnig gewordene. Heute haben wir wegen des barmherizgen Samariters mit diesem Begriff positive Assoziationen, doch die Parabel schöpft ihre Kraft daraus, dass ein Samariter so ziemlich der letzte gewesen wäre, den man sich als Retter des überfallenen Juden vorgestellt hätte.

Jesus kommt ausgerechnet zum Jakobsbrunnen, benannt nach dem Stammvater Jakob, am Fuße des heiligen Bergs der Samaritaner. Um die sechste Stunde, also um die heiße Mittagszeit, sitzt Jesus beim Brunnen, auf seine einkaufenden Jünger wartend, und trifft eine Frau, die wohl aus gutem Grund erst um diese Zeit zum Brunnen geht. Immerhin läuft sie nach ihrer Unterhaltung mit den Worten „Kommt her, seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe.“ ins Dorf.

Die beiden beginnen aber ein Gespräch. Damit hat die Frau, die vielleicht selbst in ihrer Gemeinde gemieden wird, wohl nicht gerechnet. Noch mehr: Obwohl er ein Jude und sie ein Samaritanerin ist, obwohl ein fremder Mann eine fremde Frau damals nicht anzusprechen hatte, ja, obwohl er um ihre Vergangenheit bescheid weiß, spricht er mit ihr. Das allein ist schon eine bemerkenswerte Wendung, die viel über die liebevolle Zuwendung Jesu zu den Menschen sagt.

Im Verlauf des Gesprächs gibt sich Jesus als der Messias zu erkennen, auf den auch die Samaritaner warten. Die Unterschiede zwischen Samaritanern und Juden, die sich auch am Ort der Verehrung entzünden, werden nach seinen Worten bald an Bedeutung verlieren: „Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Das Heil kommt also von den Juden, wird aber weit darüber hinausgreifen.

Schließlich bekennt der ganze Ort Jesus als Messias, nachdem die herbeigerufenen Bewohner ihn selbst gehört haben — das Zeugnis der fünfmal verheirateten Frau, die nun im Konkubinat lebte, reichte nicht aus.

Es gibt beim Kirchenvater Hieronymus eine interessante Deutung der fünf ehemaligen Männer: „Sie verließ die fünf Männer des mosaischen Pentateuches und den sechsten, den sie zu besitzen sich rühmte, nämlich die Irrlehre des Dositheus, und fand den wahren Messias und den wahren Erlöser.“ Dositheus war nämlich ein jüdischer Irrlehrer, der sich selbst als samaritanischer Messias ausgab. Eine Deutung der Fünfzahl als den Pentateuch ist jedenfalls nicht abwegig.

Die Geschichte der Frau am Jakobsbrunnen zeigt, was mit offenem Herzen möglich ist: Denn Gott begegnet uns an unerwarteten Stellen, spricht uns direkt an, auch wenn wir uns von ihm abgewandt hätten, will uns berühren und verwandeln. Wenn wir uns berühren lassen, erfahren wir die umfassende Zuwendung des Messias.

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