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Die Habsburgermonarchie als Handelsexperiment


In der wissenschaftlichen Literatur wird schon lange der sogenannte „Border Effect“ diskutiert. Grenzen haben einen großen Einfluss auf Handelsströme, selbst wenn zwischen den Ländern geringe Handelsbarrieren bestehen. So wurde für den Handel zwischen USA und Kanada ein solcher Effekt empirisch nachgewiesen, wenn auch in geringerer Höhe als zwischen anderen Ländern. Gemeinsame Sprache und die Zugehörigkeit zur gleichen Freihandelszone sollten sich ja auswirken.

Die Habsburgermonarchie war nicht nur eine Freihandelszone, sondern auch eine Zoll- und Währungsunion, mit der das Wirtschaftsleben von über 50 Millionen Menschen nach gemeinsamen Regeln abgewickelt werden konnte. Beste Bedingungen, um die Auswirkungen von Sprache und Nationalität auf den Handel zu prüfen. Genau das haben Nikolaus Wolf und Max-Stephan Schulze getan. Und zwar an Hand des lokalen Getreidepreises in zwanzig Großstädten. Ihr Ergebnis: Schon vor dem Zerfall der Monarchie lassen sich Nationalitäten-bedingte Marktdifferenzierungen feststellen, die umso deutlicher zu Tage treten, je mehr andere Handelshemmnisse etwa durch bessere Verkehrsinfrastruktur oder neue rechtliche Rahmenbedingungen beseitigt wurden. Freilich behinderte auch der steigende Nationalismus den Handel gegen Ende immer stärker. Das zeigt auch die Grenzen des EU-Binnenmarkts auf: Sprachbarrieren bleiben Sprachbarrieren.

Ganz überzeugt mich ihr Ansatz aber nicht, denn es ist unbestritten, dass der Zusammenbruch der Monarchie und die Errichtung von Zollgrenzen, protektionistischen Regimen etc. für den ganzen Raum zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führte. Das war sogar damals vielen Akteuren bewusst, doch die nationalistischen Zwänge und der Druck einflussreicher Branchen waren stärker als die Vernunft. Folglich muss die Marktsegmentierung durch Sprache und Nationalität vor dem Zerfall bei weitem geringer gewesen sein als der Grenzeffekt der neuen, durch St. Germain & Co. errichteten neuen Grenzen.

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