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Pikettys „Capital“: Das eherne Gesetz der Ungleichheit


Eines der Bücher, das derzeit überall herumgereicht wird, ist Thomas Pikettys „Capital in the Twenty-First Century“. Hunderte Seiten von Tabellen und Graphiken werden aufgebracht, um eine Grundthese des französischen Ökonomen zu untermauern, die er seit Jahren verfolgt: Dass Marktwirtschaften durch eine ehernes Gesetz zu hoher Ungleichheit führten; daher müsse man durch hohe Besteuerung (und wohl komplementärer Transfers) für den Idealzustand annähernd gleich verteilter Vermögen sorgen.

In einer Besprechung des Buches in der „Zeit“ schält Mark Schieritz die Kernthese gut heraus: „Die Konzentration der Vermögen ist eine Art Naturgesetz des Kapitalismus. […] Über die Jahrhunderte hinweg haben sich die Vermögen stets erheblich schneller vermehrt als die Wirtschaftsleistung. Die Erträge auf Anlagen in Aktien, Anleihen oder Immobilien belaufen sich demnach im Schnitt auf viereinhalb bis fünf Prozent pro Jahr, der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts dagegen beträgt langfristig nur ein bis eineinhalb Prozent. Das Einkommen aus Arbeit kann nicht mit dem Einkommen aus bereits angehäuftem Vermögen Schritt halten.“

Dieses eherne Gesetz ist freilich alles andere als ehern, sondern entspringt einfach den Annahmen, die er trifft. Piketty behandelt die Wirtschaft so, als ob es um einen sich selbst backenden Kuchen handeln würde, den man nur nachher auf die Gäste aufteilen müsse. Anders gesagt: Wesentliche Teile der Wirtschaft werden exogen gesetzt. So zum Beispiel die Wachstumsrate und die Sparquote. Irgendwann ist übrigens auch in Pikettys Erzählung mit der Konzentration Schluss, wenn nämlich durch das Sparen gerade einmal das bestehende Kapital-Einkommens-Verhältnis erhalten wird.

Das Konvolut Pikettys, das zwischen inflationsbereinigten und nominellen Daten, absoluten und relativen Messungen hin und her schwankt, krankt noch an etwas: Am Fehlen eines stringenten Modells. Anklänge an Harrod-Domar-Solow sind dafür nicht genug. Wie Ryan Decker schreibt:„Aber letztlich handelt es sich um ein Chart-Buch, mit vielen ökonomischen Daten, aber sehr wenig Ökonomie.“ [Übs.d.A.]

Es bleiben große Fragen ausgespart. Ob es etwa gesellschaftliche Mechanismen der Vermögenskonzentration unabhängig vom Wirtschaftsmodell gibt. Ohne Zweifel war bzw. ist die reale Vermögenskonzentration auch in Gesellschaften hoch, die nicht marktwirtschaftlich organisiert sind. Welchen Einfluss der moderne Sozialstaat gerade auf die Kapitalbildung des Mittelstands hat, wäre auch interessant. Würden etwa die Ansprüche aus der Sozialversicherung als Vermögenswert gezählt, was sie bei einem Kapitaldeckungsverfahren auch wären, sähen einige Tabellen anders aus. Welche Bedeutung eine hohe Kapitalausstattung für die moderne Wirtschaft hat — und auch bereits für die Industrialisierung hatte, mit der Pikettys Analyse beginnt –, könnte in einem 700-Seiten-Werk durchaus auch Beachtung finden.

Wer ein Gefühl für Pikettys Argumentation bekommen will, kann z.B. ein Working Paper lesen, das er gemeinsam mit Gabriel Zucman 2013 verfasst hat. Mit einer deutschen Übersetzung von Pikettys „Capital“ ist zu rechnen.

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