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Mit Leib und Seele sehen


Die Halbzeit der Fastenzeit ist schon überschritten, wie uns der Sonntag Laetare ankündigt. Rosa Paramente zeige die freudigere Grundstimmung an.

Darauf stimmt uns eine lange Passage aus dem Johannes-Evangelium ein, in der Jesus einen Blinden heilt — der dafür viel Kritik von den Schriftgelehrten einstecken muss. Schon der Anfang ist bemerkenswert. Jesus sieht, nachdem er am Sabbat den Tempel in Jerusalem verlassen hat, den Blinden an. Offenbar deutlich genug, dass seine Jünger ihn danach fragen, wer die Sünde zu verantworten habe, wegen der er blind sei. Jesus lehnt diese Deutung aber ab: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden. Solange es Tag ist, müssen wir die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat. Es kommt die Nacht, da niemand mehr wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“

Und dann heilt der den Blinden, der gar nicht darum gebeten hatte. Zumindest aber folgt er Jesu Anweisung, den Teig aus Erde und Speichel auf seinen Augen im Teich Schiloah wieder herunterzuwaschen, worauf er wieder sieht. Gott erwartet nicht allzuviel von uns, damit uns seine Hilfe zuteil wird. Auf sein gutes Wort hören, das genügt schon.

Jetzt kommt es zu einer geradezu köstlichen Szene: Niemand kann sich vorstellen, dass der Blinde beim Tempel geheilt wurde; daher muss es wohl jemand sein, der ihm ähnlich sieht. Er bestätigt nun, dass er es selbst ist, und erzählt die Geschichte seiner Heilung. Auch die Pharisäer interessieren sich für die Heilung, die für sie aber kein Beleg dafür ist, dass Jesu’ Anspruch, den er zuvor im Tempel formuliert hatte, irgendwie Gehalt hätte. Einige sind überzeugt: Da die Heilung am Sabbat stattfand, muss sie vom Bösen initiiert sein. Jesus ist in ihren Augen ein Sünder, ein Abgefallener. Andere halten die Geschichte überhaupt für einen Schwindel, und befragen die Eltern und den Geheilten selbst noch einmal intensiv. Das wird dem ehemals Blinden langsam zu dumm, und er antwortet schließlich: „Ich habe es euch schon gesagt. Aber ihr habt nicht darauf gehört. Warum wollt ihr es nochmals hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden?“ Das bringt sie in Rage — und macht deutlich: Bei aller ihrer Gelehrtheit, bei all ihrem Wissen sind sie doch blind für Gottes Wirken.

Der ehemals Blinde wird nun aus der Synagoge ausgestoßen; als Jesus dies hört, trifft er ihn wieder, und gibt sich ihm als der Menschensohn, der Messias zu erkennen. Während ihn dieser Mensch nun bekennt, an ihn glaubt, erkennen die Pharisäer nichts. Und so sagt Jesus hintergründig: „Wäret ihr blind, so würdet ihr ohne Sünde sein. Nun aber sagt ihr: Wir sehen! – Darum bleibt eure Sünde.“ Wie es in der „Catena Aurea“ dazu heißt: „Oder auch: ‚Wenn ihr blind wärt‘, das bedeutet der Schriften unkundig, dann würde keine so große Sünde auf euch lasten, so wie bei denen, die aus Unwissenheit sündigen. Nun aber, da ihr ja weise und Gesetzeslehrer seid, seid ihr durch euch selbst verurteilungswürdig.“

Die Fastenzeit ist eine Gelegenheit, sich die geistigen Augen von Gott reinigen zu lassen, klarer zu sehen. Dabei kommt es nicht unbedingt auf tiefgründige theologische Gelehrtheit an; sie führt etwa die Pharisäer im genannten Text sogar in die Irre. Das ist nicht weiter verwunderlich: Gerade umso gebildeter man ist, umso mehr Möglichkeiten gibt es, kognitive Dissonanzen erfolgreich wegzurationalisieren. Wir sollen aber weder den Wider- noch den Zuspruch Gottes wegrationalisieren, sondern uns von ihm anrühren lassen. So wie der Blinde, der um Gottes Hilfe vielleicht nicht einmal gebeten hatte, und doch von ihm zu einem leiblich und seelisch Sehenden gemacht wurde.

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