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Das „Evangelium von der Frau Jesu“


Ostern, das ist nicht nur die Feier der Auferstehung Jesu, sondern auch die jährliche Wiederkehr der Jesus-Aufreger-Story. Diesmal durfte etwa ein Papyrus-Fragment herhalten, das schon vor zwei Jahren durch die Medien geisterte. Siehe etwa hier in der „Presse“. „Aufregende“ Behauptung: Jesus hätte gemeint, Maria Magdalena wäre würdig, seine Schülerin zu sein. Subtext: Sie wäre seine Ehefrau gewesen. So hat es zumindest die Universitätprofessorin Karen L. King, eine auf Gender-Fragen spezialisierte Religionswissenschafterin, damals der Öffentlichkeit präsentiert: „The Gospel of Jesus’s Wife“ — das Evangelium von Jesu Frau. Harvard, wo King unterrichtet, hat dem öffentlichkeitswirksamen Projekt auch einen schönen Webauftritt unter gospelofjesusswife.hds.harvard.edu spendiert.

2012 wurde das Fragment bald als Fälschung entlarvt. Der Text sei aus aus Teilen des sogenannten Thomasevangeliums montiert, insbesondere mit Hilfe der koptisch-englischen Interlinearübersetzung von Michael Grodin, wie Andrew Bernhard anschaulich demonstriert. Hauptquellen waren die Sprüche 30, 45, 101 und 114, wobei die Ausschnitte eindeutig von modernen Editionen des nur teilweise erhaltenen Texts abhängen. Dabei wurde etwa ein Flüchtigkeitsfehler aus Grondins Ausgabe übernommen: Die Markierung des direkten Objekts fehlt in der ersten Zeile. Der Autor hat die Passagen teilweise von männlich auf weiblich umgearbeitet bzw. von verneint auf positiv. Dabei haben sich auch Grammatikfehler eingeschlichen, die für Muttersprachler untypisch wären, wohl aber für jemanden, der etwa aus dem Englischen übersetzt; dadurch wird etwa ein Verb mit zwei inkompatiblen Präfixen versehen.

Nun hat Prof. King es aber nicht dabei bewenden lassen. Wer will schon einem Fälscher aufgesessen sein? Also hat sie Gutachten in Auftrag geben lassen, die beweisen, dass der Papyrus wahrscheinlich aus dem — Trommelwirbel! — achten oder neunten Jahrhundert stammt. Die erste C14-Datierung hat übrigens stattdessen ein Alter vor Christi Geburt ergeben; deswegen wurde eine zweite durchgeführt. Die Tinte wiederum ist zumindest aus Produkten, wie sie damals (wie heute) verfügbar waren, womit nicht ausgeschlossen ist, dass die Beschriftung nicht ebenso alt ist. Genauso gut könnte die Tinte aber auch erst vor einigen Jahren aufgetragen worden sein, denn das Alter der Tinte (bzw. ihrer Bestandteile) konnte nicht gesondert bestimmt werden. Das paläographische Gutachten ist ebenfalls unschlüssig.

Leo Depuydt argumentiert daher im Harvard Theological Review weiterhin dafür, dass es sich um eine Fälschung handelt. Es ist ja auch bei Gemälden häufig so, dass alte Tafeln für neue Fälschungen verwendet werden; genauso können etwa unbeschriebene Teile (z.B. Ränder) alter Papyri für die Fälschung von Fragmenten recycelt werden.

Auch Francis Watson, der schon 2012 für eine Fälschung argumentiert hatte, sieht keinen Grund für eine Revision, da das Alter des Papyrus nur eine Untergrenze für das Alter des Texts angibt, in die Moderne hin aber keine Beschränkung darstellt. Relevanter wäre wohl ein Nachweis, dass etwa die gefundenen Grammatikfehler auch in alten koptischen Texten plausibel sind. Dieser wurde bis jetzt aber nicht angegetreten.

Hier übrigens die englische Übersetzung des Fragments durch Professor King:

recto:

1 ] “not [to] me. My mother gave to me li[fe…”
2 ] .” The disciples said to Jesus, “.[
3 ] deny. Mary is (not?) worthy of it [
4 ]…” Jesus said to them, “My wife . .[
5 ]… she is able to be my disciple . . [
6 ] . Let wicked people swell up … [
7 ] . As for me, I am with her in order to . [
8 ] . an image … [

verso

1 ] my moth[er
2 ] thr[ee
3 ] … [
4 ] forth …[
5-6 ] (untranslatable) [

PS Theologisch ist das Ganze ohnehin uninteressant. Ein kleiner Vergleich: Wenn man jetzt einen Text aus dem 19. Jahrhundert fände, in dem seitenweise geschrieben würde, Kaiser Friedrich Barbarossa sei der Begründer der ersten deutsch-liberalen Burschenschaft gewesen, so bewiese das lediglich, dass jemand im 19. Jahrhundert genügend Phantasie für einen solchen Text gehabt hätte. Deswegen würde man die Geschichtsbücher auch nicht umschreiben, so romantisch für Andreas Mölzer & Co. eine Vorverlegung der Gründung ihrer Vereine ins Mittelalter vielleicht auch wäre.

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