Startseite » Einmal anders » Des ist hin mein Wonne

Des ist hin mein Wonne


Heinrich von Morungen († 1222) ist einer der großen Dichter des Hochmittelalters und ein hervorragender Vertreter des Minnesangs. Er besingt die Liebe in reichen Bildern, die auch heute noch Kraft besitzen, schöpft frei aus sprachlicher und poetischer Vielfalt.

Insgesamt sind über 35 Lieder erhalten, von denen einige von Persönlichkeiten wie Ludwig Tieck oder Karl Simrock auch ins Neuhochdeutsche übertragen wurden.

Im Folgenden habe ich das Lied XXXII behutsam orthographisch ans Neuhochdeutsche angepasst, einige heute unverständliche Wörter ersetzt und an einer Stelle zur Erhaltung des Versmaßes ein Füllwort eingefügt.

Eine echte Übertragung ins Neuhochdeutsche kann man z.B. bei der Universität Frankfurt dank Dr. Martin Schuhman lesen.

Lied XXXII: Mir ist geschehen als einem kindelîne

Mir ist geschehen als einem Kindeleine,
das sein schönes Bilde in einem Glase gesah,
und es greift da nach sein selbes Scheine,
so viel, bis dass es den Spiegel gar zerbrach.
Da war all sein Wonne ein leidlich Ungemach.
Also dachte ich immer froh zu sein,
da ich gesah die liebe Frauen1 meine,
von der mir bei Liebe Leides viel geschah.

Minne, die der Welt ihr’ Freude mehret,
seht, die brachte in Traumes Weis die Frauen mein,
da mein Leib ans Schlafen war gekehret,
und ersah sich an der besten Wonne sein.
Da sah ich ihr’ lichte Tugend, ihr’n werten Schein,
schön und auch vor alle Weib gehehret2,
nichts als dass ein wenig3 war versehret
ihr viel Freuden reiches rotes Mündelein.

Groß’ Ängste hab ich des gewonnen,
dass verbleichen solle ihr Mündelein so rot.
Des hab ich nun neuer Klage begonnen,
seit mein Herze sich solche Schwere4 bot,
dass ich durch mein Auge schaue solche Not
wie5 ein Kind, das Weisheit unversonnen
seinen Schatten ersah in einem Bronnen
und den minnen muss bis6 an seinen Tod.

Höher Weib von Tugenden und von Sinnen,
die kann der Himmel nirgends, nie umfah’n7
so die Gute, die ich vor Ungewinne8
fremden muss und immer doch an ihr bestah’n.
O weh, Leiden, ja wähnt’ ich’s ein Ende ha’n,
ihr viel wonnegleichen werten Minne.
Nun bin ich sehr schwerlich9 an dem Beginne.
Des ist hin mein Wonne und auch mein ’gehrender Wahn.


  1. vrouwen, bezeichnet eine Frau von Stande. In modernen Übersetzungen oft als „Herrin“ wiedergegeben. 
  2. gehêret, von hêre. Sie wird vor alle Frauen erhoben. 
  3. lützel, klein, ein wenig 
  4. swære, Schmerz, Leid 
  5. sam, wie 
  6. unz, bis 
  7. ummevân, alte Form von umfangen. Auch: umfassen, umarmen, umschließen. 
  8. ungewinn, Gegenteil von Gewinn: Schaden, Unglück, Niederlage 
  9. vil kûme. kûme heißt schwach, kaum, schwerlich. 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s