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Gary S. Becker (1930-2014)


Mit Gary S. Becker ist ein Revolutionär unter den Ökonomen gestorben, der das Selbstverständnis der Wirtschaftswissenschaften für viele Praktiker gewandelt hat. Seit Carl Menger ist die moderne Wirtschaftswissenschaft, insbesondere die Mikroökonomie, eine Wissenschaft vom Handeln der Menschen. Becker hat erkannt, dass der ökonomische Werkzeugkasten allgemein für sozialwissenschaftliche Fragestellungen verwendet werden kann. Nicht, weil er alleinseligmachend wäre. Doch er bringt neue Perspektiven ins Spiel und hilft, Phänomene zu erklären, bei denen andere Werkzeuge unpassend sind.

Methodischer Eklektizismus ist heute nichts aufregendes mehr. Das war einmal anders. Beckers Methode wurde anfangs von Soziologen als Imperialismus der Ökonomie denunziert, seine Analyse scheinbar irrationaler Handlungen als nutzenmaximierende, individuell (schein)rationale Aktionen mit Unverständnis aufgenommen. Das sollte sich freilich bald ändern. 1992 erhielt er schließlich sogar den Nobelpreis1.

Anwendungsfälle sind etwa Drogenmissbrauch, der auch ökonomisch analysiert werden kann — wie in seinem berühmten Paper „A Theory of Rational Addiction“ mit Kevin M. Murphy.

Oder der Einfluss des Staates auf die Familie, der z.B. auch in Gesetzen über Heirat oder Vorschriften über die Behandlung von Kindern besteht. Darin prognostiziert er im übrigen das Scheitern einfach gestrickter „kompensatorischen“ Bildungsprogrammen, mit denen Bildungsdefizite bei Kindern bestimmter Gesellschaftsschichten ausgeglichen werden sollen. Denn wenn der Staat Ressourcen (über Steuern etc.) in Anspruch nimmt und damit z.B. Schulen finanziert, reduzieren die Eltern (bzw. andere unterstützende Mitglieder des Familiennetzwerks) ihre Ausgaben, ihren Aufwand für die Bildung der Kinder. Dafür gibt es auch empirische Hinweise. Die Frage der Bildung beschäftigte ihn überhaupt sehr intensiv.

Gary S. Becker wandte sich auch der Frage zu, wie sich irrationales Verhalten und ökonomische Theorie vertragen. Durchaus interessant!

Bis zuletzt arbeitete er an der Universität von Chicago; seine entsprechende Homepage ist noch online. Die NZZ hat einen kompakten Nachruf auf Becker veröffentlicht, der auch eine kleine Einführung in seine Bedeutung darstellt. Dabei haben sie sich vielleicht an einem etwas längeren, sehr lesenswerten Artikel des Jahres 2000 der „Zeit“ bedient — Titel und Anfang ähneln sich frappant. Auf den Seiten des Nobelpreiskomitees gibt es eine Kurzbiographie zu lesen.


  1. offiziell: Preis der Schwedischen Reichsbank im Andenken an Alfred Nobel 

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