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Die Pflicht des Ezechiel


An diesem Sonntag wird in der ersten Lesung eine Stelle aus dem Buch Ezechiel gelesen, die es in sich hat:

So spricht der Herr: Du Menschensohn, ich gebe dich dem Haus Israel als Wächter; wenn du ein Wort aus meinem Mund hörst, musst du sie vor mir warnen. Wenn ich zu einem, der sich schuldig gemacht hat, sage: Du musst sterben!, und wenn du nicht redest und den Schuldigen nicht warnst, um ihn von seinem Weg abzubringen, dann wird der Schuldige seiner Sünde wegen sterben. Von dir aber fordere ich Rechenschaft für sein Blut. Wenn du aber den Schuldigen vor seinem Weg gewarnt hast, damit er umkehrt, und wenn er dennoch auf seinem Weg nicht umkehrt, dann wird er seiner Sünde wegen sterben; du aber hast dein Leben gerettet.
— Ez 33,7-9

Nun ergeht dieser Auftrag hier ausschließlich an den Propheten Ezechiel, der eben zum Wächter, zum Seelsorger für das Haus Israel bestellt wird. In der Übersetzung von Henne-Rösch ist übrigens nicht von Menschen, die sich schuldig gemacht haben, sondern direkt von „Gottlosen“ die Rede, wie auch in der Luther-Bibel; in der Grünewald-Bibel von Frevlern.

Es geht also direkt darum, dass sich Menschen von Gott abwenden, die es eigentlich besser wissen müssten. Sie haben von Gottes Taten gehört, sein Licht könnte ihren Pfad erleuchten, um ein Bild aus den Psalmen zu verwenden. Doch sie wenden sich vom Licht ab.

Ezechiel soll sie also warnen. Mehr noch: Er trägt Verantwortung dafür, dass sie noch einmal davor gewarnt werden, was die Abwendung von Gott bedeutet, welche Folgen der Frevel hat. „Du musst sterben!“ — in der gottfernen Dunkelheit, in der Abwesenheit des schöpfenden Gottes wartet das Gegenteil von Schöpfung und Leben, nämlich der Tod.

Warum überträgt Gott Ezechiel so eine schwere Bürde? Warum fordert Gott von Ezechiel Rechenschaft für jeden, den er hätte warnen können, es aber unterließ? Weil Ezechiel weiß, was der Frevel für Folgen haben kann. Unterlässt er die Warnung, so lässt er den Menschen gleichsam absichtlich ins Verderben rennen. Daher ist die Pflicht des Ezechiel eigentlich eine Pflicht aller Christgläubigen. Wir warnen im Alltag Menschen immer wieder vor drohenden Gefahren, seien es heranfahrende Autos oder kommende Unwetter. Wir sollten auch Menschen, die sich offensichtlich ins seelische Unheil stürzen, davor warnen, was sie sich antun und was sie sich entgehen lassen.

Freilich, und das macht die Pflicht des Ezechiel leichter: Wer trotzdem unbeirrt ins Unheil läuft — und das kommt häufiger vor, als man glaubt –, den müssen wir uns nicht zurechnen lassen. Man macht sich dann gerne Vorwürfe: Hätte ich es nur intensiver versucht, vielleicht ein anderes Wort gefunden. Mag auch sein. Doch jeder Mensch hat auch eine Verantwortung für sich selbst, wie in dieser Stelle klar herausgearbeitet wird.

Leider gehört der folgende Umkehrruf nicht mehr zur Perikope; doch aus diesem will ich (nach der Henne-Rösch-Übersetzung) diesen tröstlichen Teil zitieren:

[I]ch habe kein Wohlgefallen am Tod des Gottlosen, sondern daran, daß sich der Gottlose von seinem Weg bekehre und lebe. […] Wenn ich aber zu dem Gottlosen sage: Du mußt sterben!, – und er bekehrt sich von seiner Sünde und übt Recht und Gerechtigkeit, gibt das Pfand zurück, erstattet das Geraubte wieder, wandelt nach den Geboten, die zum Leben führen, und begeht kein Unrecht mehr, – soll er am Leben bleiben und nicht sterben.
— Ez 33, 11b;14-15

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