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Die tödliche Angst vor Kindern mit Behinderung


In der „Zeit“ stellt Denise Linke eine gute Frage: „Warum haben wir so große Angst vor behinderten Menschen?“ Warum werden viele Menschen abgetrieben, weil eine Behinderung bei ihnen diagnostiziert wurde? Obwohl sie mit dieser Behinderung durchaus lebensfähig wären? Man muss nun Linkes Ethik nicht teilen — ich tue es nicht –, doch für einen Artikel in der „Zeit“ ist das so nahe am Problem, wie es in so einem Blatt nur möglich ist.

Linke ist Autistin. Und sie ahnt, dass Menschen mit dieser Behinderung noch ein Glück haben, dass Autismus noch nicht pränatal festgestellt werden kann:

Ich bin Autistin, und weil wir keine Ahnung haben, welche Gene für Autismus verantwortlich sind, können wir ihn nur durch Fragebögen feststellen. Ich wage die Prognose, dass die Abtreibungszahlen bei einer Autismusdiagnose dramatisch hoch wären. Wie ich darauf komme: Weil immer wieder behauptet wird, Autismus hätte etwas mit Impfungen zu tun, hören Mütter auf, ihre Kinder zu impfen. In meinen Ohren klingt dieser Impfverzicht gefährlicher als Autismus. Und in meinen Augen zeigt es, dass ein Autismusgentest nicht dazu führen würde, dass werdende Mütter sich für das Kind entscheiden würden. Sie würden sie abtreiben, genauso, wie sie ihnen lebensrettende Impfungen vorenthalten, nur um ihnen Autismus zu ersparen.

Ist es deswegen, weil bestritten wird, das Leben dieser Menschen sei lebenswert? Diese Argumentation hört man tatsächlich oft, und Linke entgegnet:

Niemand sollte sich anmaßen, überhaupt darüber zu urteilen, wie lebenswert das Leben eines anderen Menschen sein wird, war oder ist.

Standard-Redakteurin Saskia Jungnikl, dank deren Tweet ich auf Linkes Text gestoßen bin, verweist darauf, dass betroffenen Eltern positive Beispiele fehlen würden. Vielleicht hätten sie Angst vor dem Ungewissen.

Das ist wohl richtig. Es gibt etwa mit dem Nationalratsabgeordneten Franz-Joseph Huainigg und anderen zwar solche Vorbilder; zum Teil richtige Mutmacher! Doch ist der gesellschaftliche Konsens gegen Menschen mit Behinderung so stark, dass die meisten betroffenen Eltern wohl nicht einmal auf die Idee kommen würden, solche Mutmacher zu suchen und anzuhören.

Es gibt freilich noch eine Komponente: Kinder sind heute für viele Eltern quasi eine Luxusware. Die kann man vielleicht sogar bestellen, wenn man eine Leihmutter findet. Und diese Ware soll möglichst perfekt sein. Wenn nicht, wird sie „zurückgeschickt“, wie es in spektakulärer Weise kürzlich einer indischen Leihmutter geschehen ist, oder abgetrieben. Nicht, weil das Leben des Kindes nicht lebenswert gewesen wäre. Sondern weil die „mangelhafte Ware“ den „Lebensentwurf“ der Eltern beeinträchtigt hätte.

Diese Einstellung ist subkutan häufiger zu finden, als man glaubt. Mutmacher und Rollenvorbilder sind sicher eine Komponente, um diese Einstellung zu ändern. Doch muss man es wohl viel grundsätzlicher angehen.

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