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Demetrius und Menander: Eine Fabel.


Kürzlich bin ich über eine kurze Geschichte des Fabeldichters Phaedrus über Sein und Schein gestolpert, die einfach zeitlos ist. Nicht ganz so zeitlos ist vielleicht die Übersetzung von Johann Gottfried Gericke, aber recht getreu. Nur die letzte Zeile musste ich ergänzen.

Demetrius und Menander

Demetrius, Phalereus genannt,
Erobert’ ungerecht die Herrschaft von Athen.
Das Volk nach seiner Art lauft um die Wett herbei,
Und ruft ihm Glück! zu. Selbst die Großen küssen
Die Hand, von der sie unterdrücket waren,
Beseufzend in der Still des Glücks betrübten Wechsel.
Ja auch die Müßigen und die Geschäftefreien,
Daß nicht ihr Fehlen schade, schlichen hinten nach;
Dabei Menander, der berühmte Schauspieldichter,
Den, ohn’ ihn selbst zu kennen, der Tyrann gelesen,
Und das Genie des Manns bewundert hatte.
Am Leibe balsamiert, und flatternd in der Kleidung,
Kam er mit langsamen und sanften Tritten an.
Demetrius, wie er ihn sah im letzten Haufen,
Sprach: Welch ein Weichling dort erfrecht sich vor mein Antlitz
Zu kommen? Die zu nächst ihm standen, sagten:
Menander ist’s, der Dichter. Gleich war er verändert.
Der Mensch, sprach er, könnt’ wohlgestalteter nicht werden.

**

Es ist eine doppelbödige Fabel, fast könnte man sie „schwarz“ nennen. Wo die Macht ist, da tummeln sich die Speichellecker und Schönredner. Alle preisen den neuen König, selbst wenn sie ihn insgeheim verabscheuen. Keiner will in der Schlange der Gratulanten fehlen, weil es ihm ja schaden könnte. Auch Menander gehört in dieser Geschichte zu den dienstfertigen Einwohnern Athens.

Sehr korrekt beobachtet: Auch bei den Künstlern findet sich oft eine innige Beziehung zur Macht, manchmal durch die Pose des Hofnarren verschleiert.

Die Bewunderung für den großen Komödiendichter kehrt aber dann die Situation um: Nun ist es der Mächtige selbst, der den Dichter von seiner äußeren Erscheinung her verabscheut, ihn aber genau wegen dieser lobt, sobald er erfährt, wer derjenige ist. Homo fieri non potest formosior — Wohlgestalteter kann der Mensch nicht werden! Drei Zeilen vorher war Menander noch ein cinaedus. Das ist nicht bloß ein Weichling. Das ist ein Mann, der „unnatürliche sexuellen Praktiken“ übt, wie es manche Wörterbücher umschreiben. Im Georges von 1913 heißt er der „unnatürliche Wollüstling“, in Pierers Universallexikon von 1857 „Knabenschänder“. Das war also ein übles Schimpfwort. Und dieser effeminierte cinaedus ist für den Kriegsherren Demetrius also jetzt so formosus, dass er gar nicht formosior sein könnte. Ja, antiker Humor ist nicht immer so fein, wie einen die Übersetzungen glauben lassen …

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