Von der Geschwisterlichkeit


Oft wird heute in Kirchendiskussionen das Schlagwort einer „geschwisterlichen Kirche“ bemüht; besonders dann, wenn es um die Organisation der Kirche oder gegen die Moraltheologie geht. Was mich an diesem Wort immer irritiert hat, war, dass es im Alltag eigentlich nicht vorkommt. Es bedeutet auch eigentlich nichts.

Über Kulturen und Generationen hinweg wurde davon gesprochen, dass Menschen sich wie Brüder zueinander verhalten sollen. Gemeint war: Untereinander herzlich, unterstützend, so verbunden, dass Rang und Stand sie nicht trennen können. So, wie es durch Jahrhunderte hindurch in Familien notwendig war, einfach, um zu überleben. Die Brüder werden dabei aus drei Gründen genannt: Zum einen in generischer Weise, da es im Deutschen lange gar kein eigenes Wort für „Schwestern und Brüder“ gab; zum anderen, weil in vielen Kulturen die Schwestern den Familienverband durch Hochzeit verlassen. Die vorbildhafte Eintracht war daher unter den Brüdern leichter zu finden. (Das Gegenbeispiel ist mit Kain und Abel aber bereits urbiblisch.) Zum dritten, weil Brüder und Schwestern wiederum durch die jeweiligen Bündel von Rechten und Pflichten unterschieden waren, die dem Ausdruck der Gleichheit zuwiderliefen.

Heutzutage sind Rechte und Pflichte der Schwestern und Brüder gleich; man wird freilich konzedieren müssen, dass sich Brüder und Schwestern deswegen nicht gleich verhalten. Geschwister müssen bei uns aber auch nicht mehr zusammenhalten, damit sie durchs Leben kommen. In zerfallenden Familien, bei einem immer größeren Anteil von Einzelkindern beschreibt „Geschwisterlichkeit“ kein besonderes Ideal, erst recht keine Realität, sondern ist mehr oder weniger eine „Kirchensprech“-Phrase. Außerhalb der Kirche habe ich den Begriff auch noch selten gehört.

Was ist also eine „geschwisterliche Kirche“? Eine Gemeinschaft von Experten des kircheninternen Selbstdiskurses?

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