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Bach, die Komponistin?


Das Schweizer Fernsehen beglückte die Zuseher vor einer Woche mit der Entdeckung, Anna Magdalena Bach, die zweite Ehefrau von Johann Sebastian Bach, hätte die sechs Suiten für Cello, BWV 1007-1012, komponiert. „Written by Mrs Bach“ hieß die dazugehörende Doku, die auf der Arbeit des Australiers Martin Jarvis basiert.

Leider steckt dahinter kein akribisches Quellenstudium, sondern vor allem Wunschdenken und eine Technik, die ich aus den Bibelwissenschaften gut kenne: Zuerst wird etwas für nicht unplausibel gehalten, und dann auf diesen „nicht unplausiblen“ Annahmen immer gewagtere Schlussfolgerungen getürmt, die schlußendlich als Fakt präsentiert werden.

In diesem Fall sagt schon die Werbung des Schweizer Fernsehens alles aus: „Der australische Musikwissenschaftler Martin Jarvis will beweisen, dass Anna Magdalena Bach die gebührende Ehre als Komponistin versagt blieb, weil das nicht zum Frauenbild ihrer Zeit passte.“ Wie Alex Ross für den „New Yorker“ schön beschreibt, gibt es jedoch keine Indizien für Anna Magdalenas Kompositionstätigkeit.

Sie war bewiesenermaßen musikalisch; ihre gesanglichen Fähigkeiten wurden von Zeitgenossen gewürdigt. sie hat für Bach Noten kopiert —
besonders zu Schulungs- und Verkaufzwecken –, wie es auch andere Mitglieder des Bach-Haushalts getan haben. Zu dieser Tätigkeit hat übrigens der bekannte Bach-Forscher Yo Tomita einen bemerkenswerten Artikel verfasst. Und diese Schreibtätigkeit wurde auch vermerkt, so in einem Exemplar der Cellosuiten gemeinsam mit Violinsonaten und -partiten, wobei jeweils festgehalten ist, dass Johann Sebastian Bach der Komponist der Werke sei. Übrigens kann man dank bach-digital.de auch als Außenstehender heute Anna Magdalena Bachs Autograph ansehen.

Jarvis stört das alles nicht weiter und spekuliert unter großem Medienecho weiter: Über Selbstmorde, Ehebruch und mehr. Wer aus der Entfernung kein Quellenstudium betreiben kann, muss eben auf andere Weise Neuigkeiten kreieren.

Ross vermerkt verklausuliert: Es ist keine Förderung weiblicher Komponisten, sie für die Vergangenheit zu erfinden. Erst recht nicht, wenn ihre Autorschaft angeblich daran zu erkennen sei, dass das Werk nicht so reif sei wie andere (!).

Zum Abschluss die technisch höchst anspruchsvolle Suite Nr. 6 in D-Dur, gespielt von der französischen Cellistin Ophélie Gaillard:

Auf den Geschmack gekommen? Gaillards Aufnahmen sind wohlfeil im gut sortieren Fachhandel erhältlich. Oder auch im nicht so gut sortierten.

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