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Bessere Bildung durch Ganztagsschule? Eher nein.


Es ist interessant, wenn ein österreichischer Spitzenpolitik just jetzt meint, der „widerstand gegen die Ganztagsschule“ sei ein Fehler gewesen. So war es in einem „Standard“-Interview mit Reinhold Mitterlehner zu lesen.

Erstens, weil sich gerade jetzt, wo es schon zahlreiche Ganztagsschulen mit verpflichtender Anwesenheit und verschränktem Unterricht gibt, zeigt, dass es schulisch wenig bringt. In einer Studie der deutschen Bertelsmann-Stiftung, die Ganztagsschulen äußerst wohlwollend gegenübersteht, kann man z.B. nachlesen, dass die Eltern von Kindern in Ganztagsschulen genauso häufig und lang mit ihren Sprößlingen Lernstoff erarbeiten oder Aufgaben erledigen, wie es bei Halbtagsschulen der Fall ist. Auch der Anteil der Kinder mit Nachhilfeunterricht ist gleich. Ähnliches wurde auch für Österreich herausgefunden, siehe den „Presse“-Blog von David Schwarzbauer. Manche Studien zeigen zwar leicht verbesserte kognitive Fähigkeiten etc., leiden aber an mangelnden Kontrollparametern und anderen Designschwächen, die von den Studienautoren durchaus auch eingeräumt werden.

Zweitens, da Mitterlehners Partei, die ÖVP, nie prinzipiell gegen das Angebot von Ganztagsschulen war, sondern vielmehr verhindern wollte, dass Kinder keine andere Wahl haben, als Ganztagsmodelle in Anspruch zu nehmen. Denn die verpflichtende Ganztagsschule ist ja seit Jahrzehnten eine zentrale Forderung linker Bildungspolitiker.

Auch in der Bertelsmann-Studie kann man diese Forderung erkennen:

Sie verweisen darauf, dass die Förderung kognitiver Kompetenzen und der Abbau von Chancenungerechtigkeit eher in der gebundenen Form der Ganztagsschule gelingen können. Nur regelmäßige und intensive Teilnahme am Ganztagsunterricht begünstigt die Steigerung kognitiver Kompetenzen. Und nur die verpflichtende Teilnahme an den Ganztagsangeboten kann verhindern, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Familien seltener als die aus stärkeren Familien am Ganztagsunterricht teilnehmen.

Damit die Kinder, die zu Hause vielleicht weniger stark gefördert werden, die gleichen Ergebnisse haben wie die, deren Eltern sich um den Erfolg der Kinder kümmern, sollen einfach alle den ganzen Tag in der Schule sitzen. Wie man diversen Artikeln entnehmen kann, geht die Idealvorstellung in die Richtung, Eltern überhaupt die Möglichkeit zu nehmen, ihre Kinder zu fördern.

Die Einteilung in „sozial schwach“ und „sozial stark“ ist meiner Meinung nach in diesem Fall sowieso Mumpitz. Es kommt vielmehr auf die Frage an, wie bildungs- und/oder aufstiegsorientiert die Eltern sind. Ich kenne genügend Eltern aus unteren Einkommensschichten, die ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung bieten wollen, und Eltern aus höheren Einkommenschichten, die sich um die Bildung ihrer Kinder nicht ernsthaft kümmern (der Nachhilfelehrer soll’s dann richten). Es stimmt schon: Statistisch gesehen korrelieren grundsätzlich Einkommen und Bildungsorientierung. Aber die Welt ist etwas komplizierter als die Statistik.

PS Mir ist schon bewußt, dass Reinhold Mitterlehner die Ganztagsschule natürlich deswegen erwähnt, weil er eben vom „Standard“ interviewt wird. Trotzdem eine typisch österreichische Tendenz: Wenn die anderen schon lernen, dass es nicht viel bringt, führen wir es gerade einmal ein. Am besten verpflichtend, damit wirklich gleich eine ganze Generation ruiniert wird.

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