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Braucht der Islam einen Luther?


In der FAZ fragt Simon Wolfgang Fuchs: „Wo bleibt der muslimische Luther?“ Die einleitende Frage führt in die Irre, so die These. Das größere Problem sei die Delegitimierung der traditionellen, auf Ausgleich bedachten Gelehrten durch die Reformbewegung des Salafismus einerseits und machtbewußte Autokraten andererseits, die den Gelehrten die Rolle der Bestätigung der jeweiligen offiziellen Politik zugedacht haben.

Die einleitende Frage führt auch vor, wie mitunter ein die Reformation falsch verstanden wird. Sie sollte nicht Glaube und Vernunft versöhnen, im Gegenteil: Für Luther und Calvin war die Kirche zu säkular, zu diesseitig, zu entfernt von den Wurzeln, zu vernunftbetont und wissenschaftshörig. Die scholastische Theologie, die von der gegenseitigen Stütze von Glauben und Vernunft überzeugt war, diese Theologie war den Reformatoren ein Greuel.

Luther wandte sich zutiefst gegen die Vermengung von Philosophie mit christlicher Theologie. Wie Jan Rohls formuliert: „Zudem ist er der Meinung, dass selbst die Nominalisten, auch wenn sie betonen, dass die Theologie letztlich nur auf der Offenbarung beruht, der Vernunft und der Logik einen zu großen Raum innerhalb der Theologie zubilligen.“1 weiter: „Der Vernunft wird so über eine rudimentäre Gotteserkenntnis hinaus jede Berechtigung innerhalb der Theologie abgesprochen.“2 In seiner Disputation gegen die scholastische Theologie lässt er die These verteidigen: „Keine syllogistische Formel hält Stich bei Aussagen über göttliche Dinge.“3

Diese Trennung der Philosophie — de facto der Wissenschaft — vom Glauben war aber nicht als Verselbständigung der Wissenschaft gedacht, sondern als Befreiung des Glaubens. Luther, Calvin und Zwingli — die man freilich nicht über einen Leisten schlagen darf — betonten alle die Bedeutung der Offenbarung, die sich wiederum nur in der Heiligen Schrift erfahren lässt. Sola scriptura.

Hier schlägt Fuchs hinterlistig zu. Denn es gibt ja eine sehr erfolgreiche islamische Bewegung, die eine Abkehr von den Jahrhunderten der Tradition der Rechtsgelehrten will, um stattdessen allein auf Grundlage des Koran den Islam durch eine Rückkehr zu den Wurzeln zurück zu reformieren: Den Salafismus. Natürlich kann man Luther und die Salafiyya nicht vergleichen. Islam und Christentum sind dafür zu verschieden — und genau das ist der Grund, warum alle diese Vergleiche, der Islam müsse nur die „gleiche Entwicklung“ wie das Christentum nehmen, so völlig verkehrt (und gegenüber dem Islam auch ziemlich arrogant) sind.

Nebenbei: Es waren die 150 Jahre währenden Religionskriege, die dem Gedanken der religiösen Toleranz einen großen Schub gegeben und die Aufklärung befeuert haben. Würde man das jetzt so einfach umlegen können, würde dann so um das Jahr 2150 im Nahen Osten eine Ära der Toleranz beginnen …


  1. Jan Rohls: Offenbarung, Vernunft und Religion. S. 248 
  2. Jan Rohls: Offenbarung, Vernunft und Religion. S. 250 
  3. Martin Luther: Luther Deutsch. Die Anfänge. S. 358 

2 thoughts on “Braucht der Islam einen Luther?

  1. Linksgute Christen gehen davon aus, dass alle Religionen im Kern gleich seien.

    Beim Islam ist es jedoch genau umgekehrt:

    Entstaubt man den gemäßigten Volksislam, und bringt den wahren Islam zum Vorschein, landet man bei einer gewalttätigen Ideologie.

    Das Christentum ist im Kern höchstens autoaggressiv: im Idealfall stirbt man für die Sünden der anderen am Kreuz.

    Der Islam fordert hingegen aggressives Verhalten gegen andere

  2. Danke, Danke, Danke!
    Ich habe lange keine so wohltuenden Artikel über die Reformation gelesen. Das war zum Teil wirklich Salbei für meine Seele.

    Richtig ist, soweit ich durch Lesen und Recherche herausgefunden habe: Die christliche Kirche vor der Reformation war keineswegs radikal oder auch nur sehr konservativ, sondern war z. B. auch Trägerin zahlreicher Universitäten und ähnliches. Erst mit der Reformation entstand sowas wie Fundamentalismus in diesem Gemisch.

    Was im Artikel leider nicht erwähnt wurde, aber ihn fast perfekt gemacht hätte: Im Islam fehlen wesentliche Voraussetzungen um das anzustoßen, was wir hier im Westen „Reformation“ nennen. Im Islam ist es – meines Wissens – traditionell so, jedenfalls heute üblich, dass Gläubige Moslime den Koran auf arabisch zu lesen lernen müssen.
    Der Ausgangspunkt der Reformation nach Luther war ja, wir erinnern uns da alle noch an den Geschichtsunterricht, dass weite Teile der Bevölkerung nicht lesen konnten und schon gar nicht auf Latein und ihnen deshalb der Zugang zur Bibel abgeschnitten war. Luther war dann einer der Ersten, die die Bibel in die Landes- und Volkssprache übersetzt haben, so dass auch das einfache, lesekundige Volk sich mit der Heiligen Schrift vertraut machen konnte.
    Ab dem Moment scheinen viele Leute ein Unbehagen gespürt zu haben, wiel sie die offiziellen Taten und Lehren der Kirche mit den Aussagen der Schrift als unvereinbar empfanden. Wo die spätere katholische Kirche der Ansicht war, dass es eines langjährigen Studiums bedarf, um die Worte Gottes korrekt interpretieren zu können, glaubten jetzt tatsächlich Leute es besser zu wissen als die ausgebildeten und gesalbten Priester.
    Man sehe sich nur die 12 Forderungen der Bauernkriege an…

    Hinzukommt, dass es an der Schwelle zur Neuzeit anscheinend ein tiefes Unbehagen mit der Lehrtradition der Scholastiker gab. Das merkt man nicht nur an der Reformation, auch der Humanismus und die kopernikanische Revolution spielten da eine sehr große Rolle. VIele Gelehrte veröffentlichten auf einmal Schriften, die wir heute als „wissenschaftstheoretisch“ einordnen dürften, und stellten bessere Modelle für Unterricht und/oder Forschung vor.

    Im Islam ist es dagegen nicht so. Die Autorität der Imame steht und fällt nicht damit, dass sie sozusagen die exklusive Vermittlerrolle zwischen Gläubigen und Gott in der Gemeinde einnehmen. Theoretisch darf jeder Moslim, soll ja sogar, den Koran lesen. Dennoch haben die Imame durch ihre längere Ausbildung und durch ihre Spezialisierung auf dieses Gebiet natürlich mehr zu dieser oder jener Koransure zu sagen als der einfache Koranleser von nebenan.
    Den Koran, quasi als „arabischer Luther“, ins Arabische zu übersetzten, damit die Araber ihn besser verstehen, ist ein absurder Gedanke.
    Es kommt meines Erachtens noch etwas anderes hinzu, allerdings muss ich zugeben, dass ich auf diesem Gebiet kein Experte bin:
    So etwas wie das Lutheranische „Nur durch die Schrift, nur durch den Glauben, nur durch die Gnade“ ist im Islam in dieser Form gar nicht möglich. Denn im Koran gibt es Suren, die durch spätere Suren aufgehoben oder in der Wirkung verkleinert wurden. Es ist Teil der korrekten Auslegung auch die Zusammenhänge zu kennen, in denen diese oder jene Sure offenbart wurde.

    Fazit: Es fehlen also wesentliche Voraussetzungen im Islam, um so etwas wie eine Reformation wie die durch Luther zu ermöglichen.
    Diese Voraussetzungen sind wohl teilweise sehr spezifisch und kultur- (Rolle der Schrift und Priester im Christentum) und zeitspezifisch (der Buchdruck war neu). Sie werden sich nur schwer wiederherstellen lassen.

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