Wenn am 2. Jänner Neujahr ist …


Am 2. Jänner wird im Mozarabischen Ritus des Jahresanfangs gedacht – passenderweise mit dem Prolog des Johannesevangeliums als Evangelium. Mozarabischer Ritus? Ja, das ist einer der liturgischen Riten der katholischen Kirche, der etwa in der Kathedrale von Toledo, einigen Klöstern und wenigen anderen Orten gepflogen wird. Der Name ist ein wenig irreführend, denn es handelt sich nicht um einen arabischen Ritus, sondern einen autochthon spanischen. Er ist aus lokalen Traditionen gewachsen ist; deswegen wird der Ritus auch „liturgia hispánica“ oder „liturgia hispano-mozárabe“ genannt, auf deutsch auch altspanischer Ritus. Es sind aber natürlich auch Einflüsse aus anderen Riten zu merken, so aus gallikanischen und orientalischen Traditionen.

Ein Rest des Westgotischen Reiches

Der westgotische König Rekkared I. mit Bischöfen am III. Konzil von Toledo. (Codex Vigilanus)

Der westgotische König Rekkared I. mit Bischöfen am III. Konzil von Toledo. (Codex Vigilanus)

Eine besondere Rolle bei der Ausprägung dieses Ritus spielte wohl die Katholisierung des Westgotischen Reiches, dessen Königshaus 589 den katholischen Glauben annahm und in der Folge eine selbständige Entwicklung der Kirche des Landes förderte. Nachdem die islamischen Eroberungsfeldzüge Spanien erreichten und das Westgotenreich vernichteten, war der Kontakt und Austausch zwischen den lokalen Christen und Rom noch schwieriger, die Entwicklung entsprechend divergent. Während man sich im unbesetzten Nordteil Spaniens ab dem 11. Jahrhundert der römischen Liturgie zuwandte, wurde im Süden die mozarabische Liturgie weitergepflogen: Die Liturgie, die „unter den Arabern“ gefeiert wurde. Mit der Rückeroberung Spaniens breitete sich die römische Liturgie ebenfalls aus, wofür sich unter anderem Reformpapst Gregor VII. einsetzte. Damit wollte er die Einheit der Kirche und des Glaubens sichern.

In Toledo, der alten Königsstadt der Westgoten, war der Widerstand gegen die Einführung des römischen Ritus allerdings sehr groß und heftig. Sei es, dass König Alfons VI. von Léon aus Dankbarkeit für das Festhalten der Toledaner am Glauben ihnen die Feier des altspanischen Ritus in sechs Kirchen weiter gestattete, sei es, dass die dramatische Geschichte von einem doppelten Gottesurteil zugunsten des mozarabischen Ritus historisch ist – jedenfalls überlebte der Ritus.

Kardinal Francisco Jiménez de Cisneros (1436-1517) gilt als Retter des Ritus, da er ein Missale und Brevier erstellen und drucken sowie eine Kapelle in der Kathedrale von Toledo bauen ließ, die ausdrücklich dem täglichen Messopfer im mozarabischen Ritus gewidmet ist, das dort auch tatsächlich bis heute gefeiert wird. 1991 wurde das aktuelle „Missale Hispano-Mozarabicum“ publiziert. Der hl. Papst Johannes Paul II. zelebrierte nach der Promulgation des Messbuchs als erster Papst überhaupt eine Messe im mozarabischen Ritus.

Einige Besonderheiten

Kuppel der Mozarabischen Kapelle in Toledo. © Francisco Javier Martín Fernández

Kuppel der Mozarabischen Kapelle in Toledo. © Francisco Javier Martín Fernández

Der Ritus kennt einige Besonderheiten, die ihn vom römischen Ritus unterscheiden. So dauert der Advent wie auch im ambrosianischen Ritus sechs Wochen. Die Festtage zu Weihnachten sind teilweise anderes angeordnet: Auf Weihnachten folgt Stephanus, Eugenia, der Apostel Jakobus der Jüngere, der Apostel Johannes, der Apostel Jakobus der Ältere und zum Jahreswechsel die heilige Columba. Am Oktavtag von Weihnachten wird der Beschneidung Jesu gedacht, zwei Tage nach Erscheinung des Herrn folgt das Gedenken an die von Herodes in Bethlehem ermordeten Kinder. Verkündigung des Herrn und Kathedra Petri werden nur gefeiert, wenn sie nicht in die Fastenzeit fallen. Diese beginnt dafür erst mit dem ersten Fastensonntag. Die Unterschiede im Kalendarium ließen sich noch fortsetzen.

Der Grundaufbau der heiligen Messe ist dem römischen Ritues ähnlich, doch im Detail gibt es erhebliche Abweichungen. So wird das Glaubensbekenntnis nicht im Wortgottesdienst, sondern nach dem Hochgebet gesprochen; der Friedensgruß dagegen erfolgt bereits vor dem Hochgebet. Das Erbarmen Gottes wird mehrfach erbeten, ein eigenständiges Schuldbekenntnis, wie es seit dem 10./11. Jahrhundert im römischen Ritus nach der Eröffnung üblich ist, gibt es nicht. Das ist schon aus historischen Gründen wenig überraschend. Das Schuldbekenntnis war außerdem ursprünglich eine Vorbereitung des Klerus, und im Eröffnungsgebet des Priesters bittet dieser ebenfalls um Verzeihung seiner Sünden; allerdings wird währenddessen von einem Chor ein Eingangsgesang gesungen, so dass die Gemeinde dieses Gebet nicht hört.

Die heilige Messe

Stefan Kiesewetter beschreibt den Messablauf in seiner Diplomarbeit ausführlich. Die Messfeier besteht aus den großen Teilen des Wortgottesdienstes, des Hochgebets und des Kommunionritus, die durch verschiedene andere Teile verbunden werden. Die Sprache des Messbuchs ist wie im römischen Ritus Latein.

Eröffnung

Während des Einzugs des Priesters und eines Gebetes des Priesters vor dem Altar erklingt mit Ausnahme der Fastenzeit und der Wochentagsmessen ein dem Introitus vergleichbarer Gesang („Praelegendum“). Es folgt mit den nämlichen Ausnahmen das Gloria. Zu Weihnachten, Dreikönig, Ostern und Pfingsten schließt sich das Trishagion an. Dieser Abschnitt wird, sofern das Gloria nicht zu entfallen hatte, durch die „Oratio post Gloriam“ ergänzt, ein feierliches Gebet.

Wortgottesdienst

Nach einer Begrüßung („Der Herr sei mit euch“) wird aus einem Propheten des Alten Testaments gelesen. An Wochentagen und Sonntagen der Fastenzeit wird die Lesung stattdessen Weisheits- und Geschichtsbüchern des Alten Testamens entnommen; zudem sind in dieser Zeit gleich zwei Lesungen aus dem Alten Testament vorgesehen. In der Osterzeit wird statt der Lesung(en) aus dem Alten Testament aus der Offenbarung des Johannes gelesen.

Nach der ersten Lesung wird das Psallendum gesungen, einige Verse aus den Psalmen, mit Ausnahme von Mittwoch und Freitag in der Fastenzeit, an denen stattdessen das Threni gesungen wird, Verse, die Jesaja und Ijob entnommen sind.

An bestimmten Gedenktagen folgen die Benedictiones, ein Ausschnitt aus dem Dank des Asarja für die Errettung aus dem Feuerofen.

Die zweite Lesung ist den Episteln entnommen; ohne Zwischengesangt schließt daran das Evangelium an, das vom Diakon verlesen wird. Nach der Predigt wird das Halleluja gesungen, wobei der liturgische Name Laudes ist. In der Fastenzeit entfällt dieser Gesang, der eine preisende Antwort auf das gehörte Wort Gottes ist.

Gabenbereitung

Die Gläubigen treten zum Altar und bringen die Gaben, während der Chor das Sacrificium singt. Der Diakon breitet ein Tuch auf dem Altar aus, legt darauf die Patene mit dem Brot, gießt Wein und Wasser in einen Kelch und stellt diesen auf den Altar, worauf der Priester ein für sich ein Gebet zur Bereitung der Gaben spricht. Nach Möglichkeit inzensiert nun der Priester die Gaben auf dem Altar. Dann wäscht er still an der Seite des Altars seine Hände.

Der Prieser beginnt dann das Hochgebet mit der Oratio Admonitionis, einem an die Gläubigen gerichteten Gebet oft katechetischen Inhalts, das vom Volk mit „Amen“ beantwortet wird. Dann ruft der Priester zum Gebet auf („Lasset uns beten“), was im mozarabischen Ritus nur zweimal geschieht, einmal hier, dann vor dem Vater unser. Der Chor ruft nun eine Akklamation an den dreimal heiligen Gott.

Diptychen

Die Diptychen sind Erinnerungen und Fürbitten für bestimmte Personen und Personengruppen. Zuerst betet der Diakon für die heilige katholische Kirche, dann für die Sünder, Gefangene, Kranke und Fremde. Der Priester reiht nun andere Diptychen an – deswegen heißt dieser Teil auch Alia, in denen Gott um Annahme der Gebete der Gläubigen angerufen wird.

Der Diakon setzt fort mit Diptychen für den Papst, Bischöfe bis zum Volk Gottes allgemein, es wird auch um Fürsprache der Heiligen gebeten. So drückt sich die Gemeinschaft der Kirche in Gegenwart und Vergangenheit, in Himmel und Erde aus.

Mit der Oratio post Nomina, dem Gebet nach den vielen in den Diptychen genannten Namen, wird Gott um Annahme des Messopfers angerufen und sein Verzeihen erbeten.

Friedensgruß

Der Friedensgruß nimmt breiteren Raum ein. In einer Oratio ad Pacem, einem Gebet zum Frieden, wird Gott als der wahre Frieden und unerschöpfliche Liebe vorgestellt. Der Diakon ruft das Volk auf, Frieden zu schließen. Die Gläubigen sollen daher im Friedensgruß ein sichtbares Zeichen des Friedens untereinander setzen, etwa durch einen Friedenskuss. Dazu singt der Chor den feststehenden Cantus ad Pacem.

Hochgebet

Das Hochgebet wird durch eine Wechselrede zwischen Priester, Diakon und Volk eröffnet, ähnlich den Hochgebeten des römischen Ritus, allerdings mit etwas anderem Text. Nach dieser Eröffnung folgt die Illatio, so genannt, weil sie zur Wandlung hinführt. Sie entspricht der Präfation des römischen Ritus, allerdings gab es schon seit jeher eine große Zahl verschiedener Illationes.

An sie schließt, analog zum Römischen Ritus, das Sanctus und das Benedictus an, wenn auch in leicht veränderter textlicher Gestalt und mit altgriechischer Schlussakklamation.

Die folgende Oratio post Sanctus beginnt immer mit den Worten „Vere Sanctus“, wie sie etwa auch im Zweiten und Dritten Hochgebet des aktuellen römischen Ritus verwendet werden, und weist, so Kiesewetter, auf die „Sammlung der Kirche durch Christus, das Wirken Christi an seiner Kirche und die Christus als Erlöser der Menschen“ hin.

Damit ist das Feld für den am Korintherbrief orientierten Einsetzungsbericht aufbereitet, der jeweils nach den Worten über dem Brot und dem Kelch mit „Amen“ mit beantwortet wird. Schließlich spricht der Priester eine leicht erweiterte Form von 1 Kor 11,26. Das Volk antwortet: „So glauben wir, Herr, Jesus“.

In der Oratio post Pridie wird nach verschiedenen Vergegenwärtigungen und Anrufungen der Heilige Geist um Wandlung der Gaben gebeten. Zusammen mit der Oratio post Sanctus und dem Einsetzungsbericht bildet die Oratio post Pridie in organischer Einheit die Wandlung. Eine Doxologie beendet das Hochgebet, während der der Priester die Gaben mit einem Kreuz bezeichnet.

Kommunionritus

Das Glaubensbekenntnis wird an völlig anderer Stelle als im römischen Ritus gebetet, nämlich nach dem Hochgebet. Seit der Bekehrung der Westgoten zum katholischen Glauben ist dabei das Credo in jeder Messe zu beten, um die Einheit der Kirche und des Glaubens zu betonen. Damit folgte man damals ostkirchlichen Vorbildern. Das Glaubensbekenntnis weist zahlreiche kleine sprachliche Abweichungen von der im römischen Ritus verwendeten lateinischen Fassung des Nicäno-Konstantinopolitanums auf, was auf eine alte, eigenständige Übersetzung hinweist. Aufällig ist die Übernahme des griechischen Begriffs ὁμοούσιον (wesensgleich), der mit dem Zusatz „das ist, desselben Wesens mit dem Vater“ erklärt wird. Die Weglassung des „für uns gekreuzigt“ und die Hinzufügung „im Himmel und auf Erden“ zu „durch ihn ist alles geschaffen“ zeugen vom Einfluss des älteren Nicänums. Übrigens wird das Glaubensbekenntnis als „Credimus“ gebetet, Ausdruck gemeinsamen Bekenntnisses: „Wir glauben“.

Anschließend wird das konsekrierte Brot gebrochen, begleitet vom Cantus ad Confractionem, kurzen, gesungenen Versen, die aus einem festen Repertoire meist frei gewählt werden können. Die Teile der gebrochenen Hostie werden in Form eines Kreuzes angeordnet; da das von der Gemeinde kaum zu bemerken ist, benennt er laut die einzelnen Teile beim Ablegen nach Stationen aus Jesu Leben, von der Fleischwerdung bis zur Auferstehung. Zweite weitere Teile rechts neben dem Kreuz deuten an, wie Jesus nach der Auferstehung „zur rechten Gottes“ sitzt.

Zum Vater unser fordert der Priester mit dem zweiten „Lasset uns beten“ der Messe auf und spricht ein einleitendes Gebet, das deutlich länger als sein Widerpart im römischen Ritus ist. Danach ruft der Priester jeweils eine Zeile des Vater unsers, worauf die Gemeinde mit „Amen“ antwortet. Ein weit ausgebauter Embolismus, der mit einer Erweiterung der letzten Bitten des Vater unser beginnt, schließt sich an.

Der Priester erhebt nun Patene und Kelch und ruft feierlich „Sancta sanctis“, „das Heilige den Heiligen“. Das Heilige ist Leib und Blut Christi; die Heiligen sind die Mitfeiernden, die durch die Teilhabe am Leib Christi geheiligt sind. Einen bestimmten Hostenteil legt der Priester nun in den Kelch und symbolisiert damit die Verbindung von Leib und Blut, wie es auch ein dazu vorgesehenes leises Gebet des Priesters aussagt. Nun fordern Diakon und Priester im Wechselgesang mit dem Volk zur Segnung auf, die in einem wechselnden, dem jeweiligen Festgeheimnis angepassten Text erfolgt. Dieser Segen entspricht weitgehend dem Schlusssegen des römischen Ritus.

Nun bittet der Priester leise darum, dass das Messopfer den Makel der Sünde tilge und die Gläubigen würdig werden, zur Gemeinschaft der Heiligen gezählt zu werden. Er kommuniziert nun selbst, dann der Diakon, schließlich die Gläubigen. Der Priester teilt das Brot mit den Worten „Corpus Christi sit salvátio tua“ aus, also „Der Leib Christi sei dein Heil“, der Diakon den Wein mit den Worten „Sanguis Christi máneat tecum redémptio vera“, d.h. „Das Blut Christi bleibe mit dir als wahre Erlösung“.

Der Empfang der Kommunion wird vom feststehenden Kommunionsgesang Cantus ad Accedentes begleitet, einem von zahlreichen Halleluja-Rufen geprägten Text, den der Chor singt. In der Fastenzeit gibt es eigene Formulare dafür, die der Prägung der Zeit entsprechen.

In der Antiphona post Communionem dankt der Chor nach der Kommunion: „Erneuert durch Leib und Blut Christi loben wir Dich, Herr – Halleluja!“ Hernach beschließt die Oratio Completuria den Kommunionritus, ein kurzes Dankgebet für den Empfang der heiligen Kommunion.

(Video dank des Blogs New Liturgical Movement)

Schluss

Zum Schluss ruft der Priester: „Der Herr sei immer mit euch!“, worauf das Volk antwortet: „Und mit deinem Geiste.“ Der Diakon verkündet das Ende der Messe: „Die Feier ist vollendet. Im Namen unseres Herrn Jesus Christus sei unser Gebet mit Frieden angenommen.“ Die Gemeinde antwortet mit „Dank sei Gott“, worauf der Priester den Altar küsst, Priester, Diakone und Altardiener sich vor dem Kreuz verbeugen und die Kirche verlassen. Mit diesem Auszug ist die Messe beendet.

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