Die verlorene Welt von Enzersdorf im Thale


Die Auswertung von Luftbildern und die Arbeit mit Spektroskopen, Magnetometern etc. hat es der Archäologie ermöglicht, in Bodenformationen und Erdschichtungen Spuren vergangener Siedlungstätigkeit zu entdecken.

Durch die modernen Luftbild-Datenbanken ist es nun aber auch interessierten Laien möglich, Spuren vergangener Zeiten zu entdecken. So im Falle von Enzersdorf im Thale, wie die Niederösterreichischen Nachrichten berichten.

Dort hat der Heimatforscher Heinz Bidner zusammen mit Gerhard Hasenhündl, Lehrer am BG/BRG Hollabrunn und Mitarbeiter des Museumsvereins Hollabrunn, den NÖ-Atlas ausgewertet, der auch die Möglichkeit bietet, sich reine Geländehöhen ohne Vegetation anzeigen zu lassen. So sind Erhebungen oder Gräben, die sich in dicht bewaldetem Gebiet befinden, besonders gut sichtbar.

Dabei konnten sie vier Dörfer, eine Siedlungszeile und Konturen einer Verteidigungsanlage entdecken. Einige dieser abgekommenen Dörfer können mit überlieferten Namen in Verbindung gebracht werden, so Krales, bei dem sich Spuren einer einfachen Burganlage erhalten haben, oder ein vermutetes Unter-Abtsdorf. Eine schöne Beschreibung gibt es auf der Website von Enzersdorf im Thale: http://www.enzersdorf-im-thale.at/versunkene-orte/.

Die Karte verrät eine hohe Siedlungsdichte, wie sie in Mitteleuropa bis zur großen Pestkatastrophe üblich war. Nach der Pest gab es eine Zeit der Wirren in Österreich, verwüsteten Hussiten, Ungarn und später Türken das Weinviertel, auch klimatische Veränderungen machten den Menschen zu schaffen. Spätestens im 15. Jahrhunderten verödeten zahlreiche Orte in Niederösterreich. Das Wüstungsarchiv zählt allein 498 mittelalterliche Wüstungen, deren Lage lokalisiert wurde, in diesem Bundesland. Etliche weitere harren noch ihrer Verortung.

Vor einigen Jahren hat sich das Bundesdenkmalamt, das von den Heimatforschern Bidner und Hasenhündl auch im Falle der Enzersdorfer Funde informiert wurde, intensiv mit Wüstungsforschung beschäftigt. Im Weinviertel wurde an vier abgekommenen Orten im Zuge großer Straßenbauprojekte geforscht. In der Wüstung Aichenstauden (Auersthal) konnte ein Höhepunkt der Aktivitäten um 1300 ermittelt werden, sowie ein Abkommen im 15. Jahrhundert.

Allerdings haben nicht bloß natürliche oder menschliche Katastrophen das Siedlungsbild verändert. Heike Krause und Thomas Kühtreiber weisen darauf hin, dass es einen Konzentrationsprozess gegeben hat: Kleinere Siedlungen wurden zugunsten größerer, funktionell aufgewerteter Dörfer aufgegeben. Bei neugegründeten Märkten und Städten ist dieser Vorgang besonders deutlich.

Dies ist auch vor dem Hintergrund einer Bereinigung der Feudalstruktur zu sehen und des Endes des sogenannten Villikationssystems, bei dem ein Herrensitz samt Eigenwirtschaft (Salland) und ihn umgebenden Bauernhöfen eine Einheit gebildet haben. Wird der Herrensitz aufgegeben, so kann das zur Übertragung der umgebenden Siedlung in ein anderes Dorf führen. Freilich kann es, je nach Situation, auch zur Ausweitung der Siedlung vor Ort kommen, wenn die frühere Eigenwirtschaft aufgeteilt wird und so neue Bauernstellen entstehen.

Schließlich werden auch Orte einfach in günstigere Lagen verlegt, mitunter mit wechselnden Namen, wie es noch 1830 mit Kimmerleinsdorf geschah, dass nach seiner Zerstörung in Gefolge eines gewaltigen Eisstosses auf der Donau als Franzensdorf wiederaufgebaut wurde. Der Name rührt von der Unterstützung der überlebenden Dorfbewohner bzw. des Dorfneubaus durch Kaiser Franz her.

Welche Ursache die Verwüstungen in Enzersdorf im Thale im einzelnen hatten, wird zum Teil nicht mehr rekonstruierbar sein, doch eine Mischung der erwähnten Ursachen — Verlegungen, Konzentration nach Enzersdorf, schließlich die Katastrophen des 14./15. Jh. — wird auch von den Heimatforschern vertreten, die etwa zwei nahe beieinanderliegende Funde als Ortsverlegung deuten.

Jedenfalls ein spannender Blick in die Vergangenheit, der durch modernste Technik ermöglicht wird.

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