Steigt die Ungleichheit seit 700 Jahren?


Guido Alfani von der Mailänder Bocconi-Universtät hat sich selbst eine schwierige Aufgabe gestellt, nämlich Daten über die Vermögensverteilungen der vorindustriellen Zeit zusammenzutragen und zu analysieren.

In einem im Herbst veröffentlichten Artikel bei Cliometrica, „The rich in historical perspective: evidence for preindustrial Europe (ca. 1300–1800)“ präsentiert er seine Ergebnisse, die nahtlos an die Datenreihen von Thomas Piketty anschließen sollen. Eine frei zugängliche Vorversion] kann man hier lesen.

Seine Kernaussage: Von 1300 bis 1800 hätte sich Reichtum fortwährend in den Händen des reichsten Dezils konzentriert. Lediglich die große Pestepidemie des 14. Jahrhunderts hätte diesen Prozess konterkariert. Auch der Anteil derjeniger, die das zehnfache des Medianvermögens halten, sei eindeutig gestiegen.

Große Lücken, große Schlussfolgerungen

Wer sich den Artikel näher ansieht, wird aber bald feststellen, dass Alfanis Schlussfolgerungen angesichts der Datenlage mutig sind. Die Mühe, die hier in den letzten Jahren für das Zusammentragen historischer Daten verwendet wurde, ist beachtenswert. Leider wird sie von überschießenden Verallgemeinerungen überdeckt.

Die Daten stammen aus Vermögensverzeichnissen für Steuerzwecke, die in Savoyen — er nennt es „Sabaudian State“ –, dem Gebiet der Republik Florenz, des Königreichs Neapel und in Venedig angelegt wurden, und werden mit Daten aus Katalonien und den südlichen Niederlanden (Belgien) abgeglichen. Dies ist dank des EINITE Projekts möglich, bei dem unter Federführung Alfanis eine Reihe von Wissenschaftern historische Unterlagen nach einer gemeinsame Methode sichten und auswerten.

In den Daten fallen große Lücken auf:

  • Es fehlen notwendigerweise diejenigen Personen, deren Vermögen zu gering war, um besteuert zu werden.
  • Ebenso fehlt Vermögen, das keiner Besteuerung im Sinne dieser Vermögensverzeichnisse unterlag. So fehlen Lehensgüter in der Untersuchung, wie Alfani selbst zugibt. Gerade für die erste Zeit werden diese wohl von erheblicher Bedeutung gewesen sei. Dann fehlt das Eigentum kirchlicher Einrichtungen, die doch eine erhebliche ökonomische, soziale und gesellschaftliche Rolle gespielt haben. Sie boten für viele Ärmere Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, waren Bildungs- und Sozialeinrichtungen, natürlich auch Machtzentren. Die Enteignungen kirchlicher Güter im späten 18. und 19. Jahrhundert müssten große Spuren hinterlassen.
  • Die Hauptstädte der betroffenen Gebiete — Turin, Venedig, Florenz und Neapel — sind ausgeschlossen, da sie auf Grund besonderer Steuerbefreiungen in den Steuerlisten nicht vorkommen.
  • Die Bewertung der Güter ist selbst heute ein schwieriges Thema. Wie die Bewertung der Vermögensgüter funktioniert, wird nicht beleuchtet.

Der Aufstieg des Bürgertums

Alfani denkt, dass steuerfreie Adelsgüter eine so geringe Rolle gespielt hätten, dass sie kaum Einfluss auf seine Rechnung haben würden. Das schließt er aus Listen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Ich befürchte allerdings, dass er vor allem den Aufschwung des Bürgertums — der Handwerker und Kaufleute –, und die Verstädterung misst. Natürlich nimmt im Vergleichszeitraum relativ der Wert des landwirtschaftliche Vermögen der Adeligen und der Kirche (beides ja nur z.T. erfasst) ab. Umgekehrt werden in manchen Gegenden Bauern vermehrt zu Eigentümern ihres Landes — das führt aber eher zu einer statistisch noch stärkeren Konzentration des Vermögens, da aus nicht erfasstem Lehensgut plötzlich erfasstes Privatgut wird, aus nicht erfassten Besitzlosen erfasste Personen mit wenig Besitz.

Jeder, der Produktionsfunktionen noch im Kopf hat, wird sich außerdem erinnern, dass man an in den einfachsten Modellen an drei Stellschrauben drehen kann: An der geleisteten Arbeit, am eingesetztes Kapital und der verwendeten Technologie. Ein wesentlicher Teil der steigenden Produktionsmöglichkeiten der neuzeitlichen Staaten auf der italienischen Halbinsel geht auf die Kombination besserer Technologien mit dem nötigen Kapitaleinsatz zurück. Glasbläserhütten, Tuchwebereien, Seidenbau oder Buchdruckereien entstehen nicht von selbst.

Es ergibt Sinn, dass die großen Pestepidemien, der sogenannte „Schwarze Tod“, Ungleichheit einebnen, weil sie so viel Menschen das Leben kosten, dass sie die Gesellschaft zerreißen. Ökonomisch gesprochen wird Arbeit knapper, so dass dessen Entlohnung ansteigt, während der Wert des eingesetzten Kapitals und Wissens relativ sinkt. Güter, die niemand bewirtschaften kann, sind wertlos. Es sollte Alfani und auch Thomas Piketty im Übrigen zu denken geben, dass große Reduktionen der Ungleichheit immer mit großen Katastrophen einhergehen: Die Pest bei Alfani, erster und zweiter Weltkrieg bei Piketty.

Jedenfalls ist die aufgezeige „Konzentration“ des Vermögens auch ein Artefakt einer steigenden, technologisch aufwendigeren Produktion, die wiederum allgemein zu einem steigenden Lebensstandard geführt hat. Diese Wechselwirkung entgeht Alfani, der nur auf die Verteilung des erfassten Vermögens blickt, leider völlig.

Übrigens: Eine Kurzzusammenfassung von Alfanis Thesen gibt es auf VoxEU.

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