Trump Derangement Syndrome


In den USA hat sich ein Ausdruck dafür eingebürgert, wenn das Ereifern über einen politischen Gegner pathologische Züge bekommt: „Derangement Syndrome“. So litten in den Nuller Jahren etliche Demokraten unter dem Bush Derangement Syndrome, das damals Charles Krauthammer scherzhaft diagnostizierte:

Der akute Ausbruch von Paranoia in ansonsten normalen Menschen als Reaktion auf die politischen Entscheidungen, die Präsidentschaft — nein — die bloße Existenz von George W. Bush.

Damals hatten Verschwörungstheorien Hochkonjunktur, und jeder kleine (oder vermeintliche) Fehltritt des Präsidenten wurde ins Unermessliche gesteigert und breitgetreten. Das sagt wenig über seine Präsidentschaft aus, aber viel über seine Kritiker. Viele konnten nicht ertragen, dass er ins Weiße Haus eingezogen war, das doch rechtmäßigerweise einem aufgeklärten linksliberalen Demokraten hätte zufallen müssen. Seine Wiederwahl war dann für manche noch unerträglicher, weil der Sieg eindeutig und unumstritten war.

Nun sind solche „Derangement Syndromes“, zu deutsch wohl Umnachtungssyndrom, nicht auf eingefleischte Linke beschränkt. Hillary Clinton ist z.B. seit geraumer Zeit ebenso ein Magnet für Verschwörungstheorien.

Nun eben Trump

Und nun eben Donald Trump. Natürlich ist die Delegitimierung des politischen Gegners keine neue Waffe. Doch die apokalyptischen Bilder, die bei jeder Äußerung Trumps bemüht werden, die oft rein atmosphärische Kritik, die maßlose Übertreibung, das sind schon bedenkliche Entwicklungen. Wer Witze darüber reißt, ob nicht der „tiefe Staat“ durch einen Mord die Sache „bereinigen“ könnte, oder wie der ehemalige Popstar Madonna davon träumt, das Weiße Haus zu sprengen, sät den Samen für politische Gewalt (über die man sich dann natürlich betroffen zeigt) und erweist sich schließlich auch als schlechter Demokrat.

In Rumänien soll das Delikt des Amtsmissbrauch de facto abgeschafft werden, um den korrupten Parteivorsitzenden der Sozialdemokraten, Liviu Dragnea, zu schützen. In der Türkei entmachtet sich das Parlament selbst, um der Präsidialdiktatur Erdogans die Bahn frei zu machen. Beides ist natürlich nur von untergeordnetem Interesse, während sich die Medien obsessiv mit der Frage beschäftigen, ob der Pressesprecher Trumps gelogen hat, als er von hohen Besucherzahlen bei der Amtseinführung berichtete.

Wer die üblichen Diskrepanzen zwischen verschiedenen Teilnehmerzahlen kennt, und die beiderseitige Manipulation mit sorgsam ausgewählten Bildern, wird übrigens bald feststellen, dass viele Medien sich der gleichen Art von — sagen wir es höflich — „Übertreibung“ wie der Pressesprecher schuldig gemacht haben, nur in die andere Richtung. Allerdings: Es ist der Job eines Pressesprechers, seinen Chef in gutem Licht erscheinen zu lassen. An Journalisten würde man doch andere Maßstäbe anlegen.

Eine tiefe kognitive Dissonanz

Das Trump Derangement Syndrome ist Ausdruck einer tiefen kognitiven Dissonanz, die der Cartoonist und Autor Scott Adams so beschreibt:

  1. Die Betroffenen halten sich selbst für gebildet und gut informiert.
  2. Sie haben durch ihr gutes Urteilsvermögen erkannt, dass Trump ein Faschist, ein bösartiger Clown oder etwas anderes Furchtbares ist.
  3. Millionen von Menschen haben Trump trotzdem zumindest für das geringere Übel gehalten und ihn ins Amt gewählt.

Nun ist es durchaus plausibel, dass Trump als Präsident problematische Entscheidungen trifft. Aber als protofaschistisches Schreckbild taugt er nicht. Bis zu seiner Kandidatur war er bei demokratischen wie republikanischen Kandidaten als Unterstützer wohlgelitten. Die Clintons waren bei seiner Hochzeit zu Gast. Nichts deutet in seinem wohldokumentiertem Leben auf irgendwelche revolutionären Absichten hin.

Was also tun? Entweder gibt man zu, dass man vielleicht im Wahlkampf den Gegner etwas zu sehr dämonisiert hat — womit aber eingestehen würde, nicht so gut informiert und gebildet zu sein, wie man glaubt. Oder man redet sich ein, Trumps Wähler würden ihn mehrheitlich ebenso als Protofaschisten sehen und das auch noch gut finden. Daher müsse man nun mit großen Demonstrationen und allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen ihn und seine Wähler arbeiten. Würde man ihn zum Rücktritt zwingen oder sonstwie seine Amtszeit beenden, wäre die Beseitigung der Demokratie quasi die Rettung der Demokratie. Ein Dialektiker kriegt das argumentativ schon hin.

Für uns Beobachter heißt das vor allem, dass es noch viel schwerer wird, halbwegs seriöse Informationen über Trumps Präsidentschaft zu bekommen, da es nur extrem gefilterte Nachrichten gibt. Siehe etwa den Zwischenfall, als CNN berichtete, Nancy Sinatra hätte sich verärgert gezeigt, dass Trump bei der Amtsübergabe u.a. ein Lied ihres vaters verwenden ließe. Über CNN war Nancy Sinatra dann wirklich verärgert, weil der Bericht erlogen war. Wenn selbst bei solchen Kleinigkeiten falsch berichtet wird, wie sollen wir je ein halbwegs stimmiges Bild bekommen?

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