Die heilige Scholastika und der Regen


Statue der Sankt Scholastika in Montecassino

Sankt Scholastika in Montecassino

Der 10. Februar ist der Gedenktag der heiligen Scholastika, der Schwester Benedikts von Nursia, des „Vaters des abendländischen Mönchtums“. Über Scholastika wissen wir im wesentlichen aus den Dialogen des hl. Gregor des Großen.

Der Papst hatte in vier Bänden verschiedene Themen in der literarischen Form des Dialogs mit seinem Diakon Petrus abgehandelt. Dieser Stil passt auch gut zu Gregor, der in einem gut verständlichen, zugänglichen Latein schreibt. Der ganze zweite Band ist dem hl. Benedikt gewidmet und wird wohl kurz nach dem Tod des Heiligen entstanden sein.

Gregor betont zu Beginn des Buches, dass er selbst nicht alle Einzelheiten des Lebens Benedikts kennt, wohl aber auf vier Schülern des Benedikt — Constantinus, Valentinianus, Simplicius und Honoratus — als Quellen zurückgreifen konnte.

Im 33. Kapitel erzählt Gregor das Wunder der hl. Scholastika, bei dem Benedikt etwas wollte, aber nicht erreichen konnte:

Das Wunder der heiligen Scholastika

Gregor: Petrus, gibt es jemanden in diesem Leben, der höher steht als Paulus? Dreimal hat er wegen des Stachels in seinem Fleisch den Herrn gebeten1 und konnte doch nicht erhalten, was er wünschte. Deshalb muss ich dir von dem ehrwürdigen Vater Benedikt erzählen, dass auch er etwas wollte, was er nicht erreichen konnte.

Seine Schwester Scholastika war von Kindheit an dem allmächtigen Gott geweiht. Sie war gewohnt, ihren Bruder einmal im Jahr zu besuchen. Der Mann Gottes ging jedes Mal zu ihr hinunter zu einem Gut des Klosters, das nicht weit entfernt lag.

Eines Tages kam sie wie üblich, und ihr ehrwürdiger Bruder stieg mit einigen Jüngern zu ihr hinab. Sie verbrachten den ganzen Tag im Lob Gottes und im geistlichen Gespräch. Bei Einbruch der Dunkelheit hielten sie miteinander Mahl.

Während sie noch am Tisch saßen und ihr geistliches Gespräch fortsetzten, wurde es spät. Da flehte die gottgeweihte Frau, seine Schwester, ihn an: „Ich bitte dich, lass mich diese Nacht nicht allein, damit wir noch bis zum Morgen von den Freuden des himmlischen Lebens sprechen können.“ Er antwortete ihr: „Was sagst du da, Schwester? Ich kann auf keinen Fall außerhalb des Klosters bleiben.“

Es war so heiteres Wetter, das sich keine Wolke am Himmel zeigte. Sobald aber die gottgeweihte Frau die Weigerung ihres Bruders hörte, fügte sie die Finger ineinander, legte ihre Hände auf den Tisch und ließ ihr Haupt auf die Hände sinken, um den allmächtigen Gott anzuflehen. Als sie dann das Haupt vom Tisch erhob, blitzte und donnerte es so stark, und ein so gewaltiger Wolkenbruch ging nieder, dass weder der heilige Benedikt noch die Brüder in seiner Begleitung einen Fuß über die Schwelle des Hauses setzen konnten, in dem sie beisammen waren. Die gottgeweihte Frau hatte nämlich ihr Haupt auf die Hände gesenkt und Ströme von Tränen auf den Tisch vergossen. Dadurch erreichte sie, dass es aus heiterem Himmel zu regnen begann. Diese Regenflut folgte nicht erst nach dem Gebet, sondern Gebet und Regen trafen so zusammen, dass es schon donnerte, als sie das Haupt vom Tisch erhob. Im gleichen Augenblick erhob sie das Haupt, und der Regen strömte nieder.

Der Mann Gottes sah nun ein, dass er bei Blitz, Donner und dem gewaltigen Wolkenbruch nicht zum Kloster zurückkehren konnte. Da wurde er traurig und klagte: „Der allmächtige Gott vergebe dir, Schwester! Was hast du da getan?“ Sie erwiderte ihm: „Sich, ich habe dich gebeten, und du hast mich nicht erhört; da habe ich meinen Herrn gebeten, und er hat mich erhört. Geh nur, wenn du kannst. Verlass mich und kehre zum Kloster zurück!“

Da er das Haus nicht verlassen konnte, blieb er gegen seinen Willen, nachdem er freiwillig nicht hatte bleiben wollen. So konnten sie die ganze Nacht durchwachen, in heiligen Gesprächen ihre Erfahrungen über das geistliche Leben austauschen und sich gegenseitig stärken.

Deshalb habe ich gesagt, er habe etwas gewollt und es doch nicht vermocht. Wenn wir auf die Vorstellungen des heiligen Mannes schauen, so besteht kein Zweifel, dass er gewünscht hat, das heitere Wetter möge so bleiben, wie es bei seinem Kommen gewesen war. Ganz gegen seinen Willen stand er vor einem Wunder, das die Kraft des allmächtigen Gottes nach dem Herzenswunsch einer Frau gewirkt hatte. Es ist nicht zu verwundern, dass die Frau, die ihren Bruder länger zu sehen wünschte, in diesem Augenblick mehr vermochte als jener.

Nach einem Wort des Johannes ist Gott die Liebe2. So ist es ganz richtig: jene vermochte mehr, weil sie mehr liebte.

Nur wenig später verstarb Scholastika. Wie Gregor berichtet, sah ihr Bruder im Gebet ihre Seele in Gestalt einer Taube zum Himmel aufsteigen. Darauf wusste er, was geschehen war, und ließ ihren Leichnam in das Grab legen, das für ihn vorbereitet war. Es ist vielleicht überraschend, dass Benedikt sich nach der Vision freut und Gott dankt, aber er hat zwei Gnaden erfahren. Gegen seinen Willen war seine letzte Begegnung mit seiner Schwester intensiv und ausführlich; und schließlich durfte er tatsächlich die Gewissheit haben, dass Gott sie zu sich genommen hat.

Eine ausführlichere Biographie der hl. Scholastika schrieb ein Diakon Alberich in Montecassino im 11. Jahrundert, die man bei Google Books in einem Digitalisat 1737 erschienener Annalen des Benediktinerordens lesen kann.

Der gleiche Alberich hat auch eine Predigt zu Scholastica hinterlassen. Ebenso ist uns eine Predigt zum Gedenktag der hl. Scholastika überliefert, die dem hl. Beda Venerabilis zugeschrieben wurde, heute aber für ein Werk des Abts Berthar von Montecassino gehalten wird. Berthar hat auch eine Predigt über das Leben der hl. Scholastika verfasst.

Die hl. Scholastika ist die Patronin der Ordensschwestern, und wird wohl auf Grund des Regenwunders bei Sturm und Regen um Fürbitte angerufen.


  1. vgl. 2 Kor 12,7-9 
  2. vgl. 1 Joh 4,8 
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