Der Geist des Faschismus


In der Zwischenkriegszeit waren es lediglich die moskautreuen Kommunisten, die jeden Gegner einschließlich der Sozialdemokraten als „Faschisten“ brandmarkten. Mittlerweile ist es in weiten Kreisen zum allgemeinen Eigenschaftswort für unliebsame politische Entwicklungen geworden. Das wird dadurch erleichtert, dass Nationalsozialismus und Faschismus gerne fast synonym verwendet werden — weil Hitler und Mussolini verbündet waren. Es hätte aber auch anders kommen können, Stichwort Stresa-Front und später Hitler-Stalin-Pakt.

Es lohnt sich, angesichts des inflationären Gebrauchs des Wortes „Faschismus“ dessen ursprünglichen Gehalt zu beleuchten. Der ursprüngliche Faschismus, wie ihn etwa Gabriele d’Annunzio geprägt hat — er wurde später von den italienischen Faschisten der „Johannes der Täufer des Faschismus“ genannt –, oder von Giovanni Gentile unterfüttert wurde, war keine festumrissene Ideologie mit klaren Forderungen. Es war der Versuch einer Antwort auf drei Fragestellungen, die in ihrer Konsequenz in der Katastrophe enden musste:

  1. Die fortschreitenden Entdeckungen der Naturwissenschaften und neue, das bisherige Weltbild erschütternde Ideen, insbesondere die Darwin’sche Evolutionstheorie, schienen die Ablehnung des Transzendenten zu rechtfertigen. Dadurch stellte sich aber die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz besonders drängend, da sie reiner Materialismus nur negativ beantworten kann.
  2. Der Liberalismus wurde in den Gedanken vieler eng mit der sogenannten sozialen Frage verknüpft: Elende Verhältnisse, grassierende Armut. Der Individualismus des Liberalismus wurde dafür verantwortlich gemacht, von vielen ein Ausweg gesucht.
  3. Mit der Ablehnung der Transzendenz war auch eine große Leere in bezug auf die Wahrheitsfrage eingetreten, wie schon Friedrich Nietzsche erkannt hatte.

Die Antworten darauf, die von den Faschisten gegeben wurden, änderten sich im Lauf der Zeit, was auch dem „Geist des Faschismus“ entsprach, wie Mussolini die mit Hilfe des Ghostwriters Giovanni Gentile verfasste programmatische Propagandaschrift nannte, im Original La Dottrina del Fascismo. Doch sie kreisten um die Idee des Kollektivismus, der wegen der mangelnden Bedeutung des einzelnen, mehr oder weniger sinnlos existenten Menschen die notwendige Sinneinheit sei; um die Schaffung der Wahrheit durch den Willen und die Tat der Handlungsgemeinschaft; um die Schlussfolgerung, das Sein des postulierten Darwin’schen Überlebenskampfes ergebe moralische Imperative zum Überleben des eigenen Kollektivs.

In der konkreten Ausformulierung der Ideologie ist dann viel Zufälligkeit im Spiel. Doch in einer Ideologie „des Willens und der Tat“ spielt das keine Rolle. Im „Geist des Faschismus“ konzedieren die Autoren gleich zu Beginn, dass die Lehre von den „geschichtlichen Kräften“ geformt werde, die gerade einwirkten. Der grausame, totalitäre Charakter des Faschismus ergibt sich stringent aus seiner Ablehnung einer höheren moralischen Instanz bzw. fester moralischer Gesetze abseits solcher, die aus der biologistischen Betrachtung der Natur gewonnen werden, und der Betonung des Kollektivs als einzigem wesentlichen Organ, dessen Wille wiederum von einem starken Anführer geformt werden soll.

Wer für Pathos und hohle Phrasen Zeit hat, kann Mussolinis bzw. Gentiles Definition des Faschismus im Internet-Archiv auf Englisch lesen, oder auch auf einer italienischen Website im Original. Man wird dann schnell merken, dass die wenigsten Personen, die heute als Faschisten verunglimpft werden, mit diesem Gebräu etwas zu tun haben — und dass manche Elemente des Faschismus auch heute leider quicklebendig sind.

Die Fragestellungen, die der Marxismus zu beantworten versuchte, sind denjenigen des Faschismus sehr ähnlich, die Antworten aber verschieden. Es ist wohl kein Zufall, dass am Beginn des italienischen Faschismus auch etliche vom Sozialismus enttäuschte Personen stehen, darunter Benito Mussolini selbst. Beide Ideologien sind sich auch darin ähnlich, dass sie nach allen bisherigen Erfahrungen in furchtbarem Leid für unzählige Menschen gipfeln.

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2 Gedanken zu “Der Geist des Faschismus

  1. Es würde lohnen, im Beitrag gleich eine Abgrenzung zum Nationalsozialismus zu liefern. Diese liegt vor allem in der Betrachtung der rassischen Unterschiede der Menschen (und somit auch deren Stellenwert) und der biologischen Reinhaltung oder vielmehr Erzeugung eines einzelnen (genetischen) Volkes.

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