Sie erkannten, dass sie nackt waren


Sündenfall (Bischofskapelle in Gurk)

Sündenfall (Bischofskapelle in Gurk)

Am 1. Fastensonntag dieses Jahres begegnet in der ersten Lesung die Geschichte vom Sündenfall. Sie beschäftigt die Menschen seit Jahrhunderten, weil sie viel über den Menschen an sich verrät.

Adam und Eva, diese Archetypen des Menschengeschlechts, leben im sprichwörtlichen Paradies, einem Ort des Friedens, der sicheren Nahrung und des ewigen Lebens. Doch es fehlt ihnen an der Erkenntnis von Gut und Böse. Sie wissen die Güter, die sie haben, nicht zu schätzen, sie sind aber auch nicht in der Lage, vorsätzlich etwas Böses zu tun. Aus diesem geradezu kindlichen Zustand stößt sie die Schlange, die schon in vielen ältesten Kommentar als der Verderber identifiziert wurde, der sich der Schlange nur bemächtigt habe oder im Bild der Schlange beschrieben werde.

Doch die Erkenntnis, die sie durch die Schlange gewinnen, vertreibt sie notwendigerweise aus dem Paradies. Die Unbeschwertheit ist dahin, das Wissen um die eigene Beschränktheit, Unzulänglichkeit und Bosheit dagegen erschreckend. Sie mussten erkennen, dass sie nun wahrhaft nackt dastanden.

Wie der Tora-Kommentar des jüdischen Gelehrten Raschi sagt: „Sie erkannten, dass sie nackt waren — auch der Blinde weiß es, wenn er nackt ist; was bedeutet also, sie erkannten, dass sie nackt waren? Eine Pflicht hatten sie in ihrem Besitz gehabt, und sie hatten sich derselben entkleidet.“

Ungehorsam war das Tor zur Erkenntnis von Gut und Böse, die die Option zum vorsätzlich Bösen eröffnet. Eine Welt, in der diese Option im Raum steht, kann aber kein Paradies sein.

G.K. Chesterton schreibt in seinem Buch „Orthodoxie“, dass die Erbsünde der einzige Teil der christlichen Lehre sei, der wirklich bewiesen werden könne. Die eindeutig beobachtbare Fähigkeit der Menschen zu bösen, grausamen Handlungen zeige die Trennung der Menschen von Gott auf. Eine Trennung, die in der Geschichte vom Sündenfall so sinnfällig erzählt wird.

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